Innovation in der Krise – ein Wunschtraum?

Im Herbst 2020 haben viele Länder ein zweites Mal das öffentliche Leben drastisch eingeschränkt. Unternehmer und Start-ups leiden darunter. Gerade jetzt müssten sie Prozesse und Produkte neu denken. Aber geht das überhaupt?

Gestörte Globalisierung

Monatelang sind Warenströme gestört, Lieferketten sind unterbrochen, Produktionsbänder stehen still. Die Weltbank geht davon aus, dass die Mehrheit der Staaten 2020 in eine Rezession rutschen wird. Die führenden Volkswirtschaften könnten um bis zu sieben Prozent schrumpfen. Das globale Wachstum 2020 würde um fast acht Prozent geringer ausfallen.

Grosse Verunsicheung

Viele Führungskräfte sehen ihre Teams nur noch in Videokonferenzen. Die Auftragslage ist mau, die Reserven sind bald aufgebraucht. Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sind besonders betroffen: mindestens zwei von drei gefährdeten Arbeitsplätzen in Europa sind in KMU angesiedelt, und mindestens 30 Prozent aller Jobs, die auf der Kippe stehen, entfallen auf Kleinstbetriebe mit maximal neun Mitarbeitern. In Australien sind sogar 68 Prozent der bedrohten Jobs in KMU.

Hilfe von oben

Auf der ganzen Welt legen Regierungen milliardenschwere Hilfsprogramme auf. Im Durchschnitt liegen diese bei 11,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – dreimal höher als während der Finanzkrise 2008. Von Land zu Land variieren die Umfänge und Zielgruppen der kurzfristigen Unterstützung stark. Die Pakete entsprechen in Deutschland 33 Prozent des BIPs, in den USA 12 Prozent.

Medizin macht Hoffnung

Im November 2020 melden die Pharmahersteller Pfizer und Biontech sowie Moderna, dass ihre in Rekordzeit entwickelten Impfstoffe zu über 90 Prozent vor dem Corona-Virus schützen können. Die schnelle Zulassung in Großbritannien für einen der Impfstoffe weckt nicht nur Hoffnungen sondern auch Skepsis an der Sicherheit der Verfahren. Es überwiegt jedoch die Aussicht auf eine Rückkehr zur Normalität.

Neue Normalität

Das Leben nach der Pandemie wird allerdings anders aussehen. Neue Rituale werden kommen, neue Gewohnheiten im Alltag der Menschen Einzug halten: Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und mehr digitale Angebote in Beruf, Freizeit und Gesellschaft werden die Regel sein. Unternehmer müssen nach der Krise erst einmal aufräumen, Kredite zurückzahlen und wieder zu Kräften kommen.

Teilen war gestern

Weltweit werden die Staaten versuchen, die eigene Bevölkerung und Wirtschaft stärker zu schützen. Vor Epidemien und Handelsdefiziten. Das Research-Team der Deutschen Bank geht davon aus, dass Nationalismus und Protektionismus weltweit zunehmen werden.

Grenzen hochziehen

Mitten in dieser Krise löst sich Großbritannien von der EU. Die Grenzen werden hochgezogen, die Reisefreiheit in der Welt wird weiter eingeschränkt. Ein Problem, das durch einen Corona-Impfstoff nicht zwingend gelöst wird – solange die Weltmächte beim Wettrennen um die Immunisierung der eigenen Bevölkerung gegeneinander antreten.

Handel wird schwieriger

Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte China die USA als weltweit größte Volkswirtschaft überholen. Unterstützt wird diese Entwicklung durch das kürzlich abgeschlossene Freihandelsabkommen RCEP, das China mit 14 asiatisch-pazifischen Staaten verbindet. Es umfasst Staaten mit 2,2 Milliarden Menschen und ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Wettstreit der Ideen

Die Pandemie fordert einen hohen Tribut von Menschen und Wirtschaft. Dennoch sehen in den USA drei von vier Managern in der Krise auch eine Chance für Wachstum. Im Raum Asien-Pazifik sehen 41 Prozent der Manager neue Möglichkeiten am Horizont. Und in Deutschland reagieren 43 Prozent der Mittelständler mit Innovationen auf die Situation: Sie digitalisieren ihre Prozesse oder passen ihre Geschäftsmodelle an.

Einhörner der Pandemie

In den USA haben vor allem etablierte Gesundheits-und Pharmaunternehmen während der Pandemie ihren Fokus deutlicher auf Innovationen gerichtet. Andere konzentrieren sich darauf, das Kerngeschäft zu sichern, bestehende Chancen zu nutzen und Liquidität zu schützen. Es gibt aber auch Start-ups, die in Krisenzeiten mit disruptiven Geschäftsmodellen punkten: aktuell zum Beispiel bei den Themen E-Commerce, Bildung und Mobilität.

Keine Garantie auf Erfolg

Kann jeder das Geschäftsmodell und die Produktpalette beliebig anpassen? Werden alle Gründer mit ihren neuen Ideen am Markt überleben? Nein. Schon heute gilt: Nur eines von zehn Start-ups existiert nach zehn Jahren noch. Allein 2020 wird es weltweit schätzungsweise 20 Prozent mehr Insolvenzen geben – über alle Unternehmensgrößen hinweg. In der Krise ist klar geworden, dass die Anforderungen an eine widerstandsfähige Organisation der Zukunft gewachsen sind: flache Hierarchien, schneller Informationsfluss, funktionsübergreifende Teams, flexible Arbeitszeitmodelle und agile Talente, die Veränderungen lieben.

Für mehr Einblicke zu einer großen Bandbreite von Themen, besuchen Sie bitte die Deutsche Bank Research Webseite 

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