„Europas Zahlungsnetz ist Weltklasse“
Abhängigkeit beginnt nicht erst bei Energie oder Rohstoffen – sondern auch beim Bezahlen. Deutsche-Bank-Experte Christof Hofmann erklärt, warum Europa im Zahlungsverkehr stärker ist, als viele glauben, und wo es an der Ladenkasse noch souveräner werden muss.
Ob Gehalt, Stromrechnung, Online-Einkauf oder internationaler Handel – ohne Zahlungsverkehr läuft meist nichts. Trotzdem bleibt die Infrastruktur dahinter für die meisten Menschen unsichtbar. Christof Hofmann leitet bei der Deutschen Bank den Bereich „Cash Management“, der unter anderem dafür sorgt, dass Zahlungsströme funktionieren und Unternehmen über Ländergrenzen hinweg handlungsfähig sind.
Im Gespräch erklärt er, warum Europa bei den zugrunde liegenden Zahlungssystemen weltweit führend ist, wo noch Abhängigkeiten bestehen und was jetzt passieren muss, damit der Kontinent seine Stärken ausbauen kann.
Hand aufs Herz: Wie souverän ist Europa im Zahlungsverkehr?
Das hängt davon ab, welchen Teil des Zahlungsverkehrs man betrachtet. Bei den zugrunde liegenden Systemen ist Europa außergewöhnlich stark. Mit SEPA, SEPA Instant, Target2 und Euro1 können wir Geld über Ländergrenzen hinweg zu sehr niedrigen Kosten bewegen - bei SEPA Instant sogar in Echtzeit. Das schafft weltweit sonst keine Region in dieser Form. Wir haben eine paneuropäische Infrastruktur aufgebaut, die oft unterschätzt wird: Europas Zahlungsnetz ist Weltklasse.
Wie hat Europa das geschafft?
Banken und Clearingsysteme haben seit der SEPA-Einführung 2008 darauf hingearbeitet, dass in inzwischen 41 Ländern dieselben Prinzipien und Standards gelten. Auch regulatorische Vorgaben haben dies unterstützt. Firmen und Privatpersonen können Geld schnell, zuverlässig und kostengünstig bewegen. Kaum etwas funktioniert in Europa so einheitlich wie der Zahlungsverkehr. Das wird oft als selbstverständlich angesehen. Dabei gibt es weltweit kaum Infrastrukturen, die so grenzüberschreitend und reibungslos operieren. Genau diese gemeinsame Infrastruktur ist heute ein echter Standortvorteil.
Genau diese gemeinsame Infrastruktur ist heute ein echter Standortvorteil.
Und wo muss Europa sich noch verbessern?
Die Herausforderung liegt weniger beim Zahlungsverkehr – sondern beim Bezahlen. An der Ladenkasse und im Online-Handel sind wir bei den von Kunden und Händlern bevorzugten Bezahllösungen stark von nationalen Angeboten oder außereuropäischen Anbietern geprägt. Gleichzeitig verfügt Europa mit SEPA über eine leistungsfähige gemeinsame Zahlungsinfrastruktur, um europäische, wettbewerbsfähige Alternativen zu entwickeln.
Die Herausforderung liegt weniger beim Zahlungsverkehr – sondern beim Bezahlen.
Mit Wero und dem digitalen Euro arbeitet Europa ja genau daran.
Das ist auch gut so. Mit dem Bezahlsystem Wero entsteht eine solche europäische Lösung, zunächst für den Onlinehandel und später für die Ladenkasse. Wero arbeitet eng mit anderen Initiativen des europäischen Privatsektors zusammen, damit sich die verschiedenen Angebote europaweit nutzen lassen. Der digitale Euro wird in Zukunft als digitales Bargeld in diese Angebote integriert.
Gemeinsam erweitern diese Initiativen die Wahlmöglichkeiten für Händler und Verbraucher und sorgen dafür, dass Europa bei einer strategisch wichtigen Infrastruktur wie dem digitalen Bezahlen über eigene weit verbreitete Optionen verfügt. Das stärkt die Resilienz und Handlungsfähigkeit.
Was ist Wero?
Wero ist eine relativ neue europäische digitale Zahlungslösung. Mit Wero können sich Verbraucherinnen und Verbraucher über das Handy Geld schicken und im Internet bezahlen. Schon bald sollen sie mit Wero auch in Geschäften bezahlen können. Dieses neue Bezahlverfahren wurde von dem privatwirtschaftlichen Gemeinschaftsunternehmen EPI Company SE entwickelt. Seit Ende 2024 wird es in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Belgien Händlern und Privatkunden von europäischen Finanzinstituten über Bank-Apps oder die Wero-App angeboten.
Wero nutzt die gemeinsame europäische Zahlungsinfrastruktur SEPA. Wero wird in Zukunft in weiteren Ländern direkt verfügbar sein und kooperiert mit gleichartigen Lösungen in anderen EU Mitgliedsstaaten, um deren bestehende Bezahlverfahren mit Wero zu verknüpfen. Ziel ist es, ein System anzubieten, mit dem jeder EU Bürger mit einer europäischen, digitalen Lösung überall in Europa bezahlen kann.
Was ist der digitale Euro?
Der digitale Euro ist eine digitale Form von Bargeld. Im Gegensatz zu digitalem Geld auf dem Bankkonto wird der digitale Euro direkt von der Europäischen Zentralbank (EZB) herausgegeben.
Verbraucherinnen und Verbraucher sollen den digitalen Euro ähnlich wie Bargeld, Karten oder handy-basierte Bezahlverfahren für Zahlungen im Geschäft, online oder zwischen Privatpersonen nutzen können. Banken und andere Zahlungsdienstleister werden ihn über ihre digitalen Kanäle bereitstellen. Ziel ist es, eine weitere digitale europäische Zahlungsmöglichkeit zu schaffen.
Im Spätsommer 2027 startet dafür eine Pilotphase, in der die EZB gemeinsam mit ausgewählten Zahlungsdienstleistern die technische Umsetzung testet. Die EZB möchte, dass EU Bürger ab Ende 2029 überall in der Eurozone mit dem digitalen Euro bezahlen können.
Und für Unternehmen?
Hier können Blockchain-basierte Zahlungen oder Stablecoins der nächste Entwicklungsschritt auf der Digitalisierungsagenda sein. Sie können unterstützen, dass der Euro auch in künftigen globalen Finanzsystemen eine wichtige Rolle spielt. Blockchain-basierte digitale Infrastrukturen ermöglichen es Unternehmen, Prozesse stärker zu automatisieren als heute. Dafür brauchen sie kompatible Zahlungslösungen. Sie müssen programmierbar sein, damit sie zum Beispiel Zahlungen automatisch auslösen können, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, so dass dies nicht jedes Mal ein Mensch machen muss.
Kann der Euro damit letztlich auch im internationalen Finanzsystem weiter an Bedeutung gewinnen?
Europa muss am Puls der Zeit bleiben, um die jetzt schon starke Rolle des Euro weiter auszubauen. Dazu gehört, die Nutzung des Euro im internationalen Handel zu stärken, beispielsweise, wenn die EU Freihandelsabkommen mit anderen Wirtschaftsräumen schließt. Gleichzeitig sollte der Euro für moderne Bezahlsysteme, neue Technologien wie Blockchain-Zahlungen oder digitale Geldformen verfügbar sein. Wenn der Euro auf bestehenden und neuen Anwendungsfeldern attraktiv nutzbar ist, kann er seine internationale Rolle weiter festigen und ausbauen.
Wie funktioniert die Blockchain?
Die Blockchain ist eine dezentrale Infrastruktur, auf der unterschiedliche Marktteilnehmer auf einer gemeinsamen Datenbasis arbeiten können. Sie ermöglicht es, ein digitales Abbild von Finanzinstrumenten und Geld zu schaffen – sogenannte Token. Nutzer können solche Token innerhalb eines gemeinsamen Netzwerks transferieren. Spätestens seit dem Aufkommen programmierbarer Plattformen wie Ethereum im Jahr 2015 hat die Blockchain großes Interesse in der Finanzindustrie geweckt. Finanzinstitute erproben sie unter anderem im Zahlungsverkehr sowie bei der Emission und Abwicklung von Wertpapieren und setzen sie teilweise bereits ein. Besonders intensiv diskutiert werden derzeit Anwendungen rund um Stablecoins, tokenisierte Einlagen sowie digitales Zentralbankgeld (Wholesale Central Bank Digital Currencies – CBDC).
Welche Schritte braucht es konkret bis 2030?
Europa muss bestehende Initiativen wie Wero und den digitalen Euro konsequent und komplementär voranbringen und Raum für Innovation schaffen. Bei technologisch anspruchsvolleren Themen wie Zahlungen auf der Blockchain müssen wir schneller aus der Pilot-Phase kommen. Das müssen die Unternehmen der Finanzbranche vorantreiben, brauchen aber auch den Rückhalt der Politik mit klaren Botschaften. Regulierung ist enorm wichtig für die Rechtssicherheit, sollte aber immer dazu beitragen, Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, indem sie die richtigen Prioritäten setzt.
Die Rolle der Deutschen Bank im Zahlungsverkehr
Die Deutsche Bank ist einer der wichtigsten europäischen Akteure im internationalen Zahlungsverkehr. Sie ist der größte Euro-Clearer der Welt, das heißt, sie verarbeitet mehr grenzüberschreitende Zahlungsströme in Euro für andere Banken und Finanzinstitute als jeder andere Marktteilnehmer. Gleichzeitig hilft sie als globale Hausbank ihren Kunden, in rund sechzig Ländern und Regionen weltweit Geschäfte zu machen – mit lokaler Expertise und passenden Produkten. Insgesamt unterstützt die Deutsche Bank etwa 130 Währungen und ermöglicht weltweite Zahlungen.
Über Christof Hofmann
Als weltweiter Leiter des Bereichs „Cash Management” ist Christof Hofmann dafür verantwortlich, das Geschäft strategisch weiterzuentwickeln. Ziel ist, Unternehmen auf allen Kontinenten dabei zu unterstützen, ihre Zahlungsströme und Liquidität effizient zu steuern und die Innovationen zu nutzen, die ihnen ein zunehmend digitales Finanzumfeld bieten kann.
Christof hat Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau in Darmstadt und den USA studiert. Er kam 2011 von der Boston Consulting Group zur Deutschen Bank und arbeitete zunächst in der Strategie-Abteilung. Seit seinem Wechsel in das Geschäftsfeld „Unternehmensbank” vor zehn Jahren hatte er leitende Positionen im Zahlungsverkehr und im Cash Management inne.
Diese Seite wurde im August 2026 veröffentlicht.
Georg Berger
… arbeitet bei der Deutschen Bank an internationalen Kommunikationsprojekten. Ihn interessiert, wie Europa in Schlüsselbereichen strategisch unabhängiger werden kann - ohne sich dabei zu isolieren. Wie vermutlich die allermeisten Menschen hat er vor diesem Interview selten über die dahinterliegende Zahlungsinfrastruktur nachgedacht, wenn er im Supermarkt oder online eingekauft hat. Das Gespräch hat ihn aber dazu verleitet, sich die Wero app herunterzuladen.
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