Investieren im Orbit: Wie Europas Raumfahrt zum Wachstumsmotor wird
Der europäische Raumfahrtsektor befindet sich in einem Umbruch, angetrieben von Rekordinvestitionen und dem Aufkommen innovativer Geschäftsmodelle, die weit über traditionelle, staatlich geführte Missionen hinausgehen, sagt Christine Klein von der ESA.
Private Investitionen in europäische Raumfahrt Start-ups sind stark gestiegen und schaffen neue Geschäftsmodelle und kommerzielle Chancen in zahlreichen Branchen. Um zu verstehen, was diese Dynamik antreibt – und wo das größte Wachstumspotenzial liegt – haben wir mit Christine Klein gesprochen. Sie ist Leiterin Industriepolitik und Auditing bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA).
Christine, die wirtschaftliche Nutzung des Weltraums beschleunigt sich weltweit. Warum ist sie gerade jetzt so relevant für Europa?
Der Umfang und die strategische Bedeutung der Kommerzialisierung des Alls sind dramatisch gewachsen. Zum Beispiel erreichten private Investitionen in europäische Weltraum‑Start‑ups im Jahr 2024 rund 1,5 Milliarden Euro – zehnmal so viel wie vor einem Jahrzehnt. Dieser Anstieg verändert das europäische Weltraum-Ökosystem.
Es gibt die etablierten Branchenführer und inzwischen sind viele Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen hinzugekommen. Es arbeiten auch immer mehr Menschen in dem Bereich, allein in den kleineren Unternehmen sind es inzwischen 15.000 Vollzeitstellen.
Der Umfang und die strategische Bedeutung der Kommerzialisierung des Alls sind dramatisch gewachsen.
Die Relevanz für Europa ist eindeutig: Unser tägliches Leben wäre ohne die Infrastruktur im Weltraum nicht mehr möglich. Wir könnten nicht navigieren und kommunizieren, wie wir es gewöhnt sind, und wüssten nicht, wie das Wetter wird. Ohne das All keine moderne Gesellschaft.
Welche Geschäftsmodelle haben Ihrer Ansicht nach derzeit das stärkste Wachstumspotenzial?
Am kommerziell attraktivsten sind Satellitenkommunikation und Erdbeobachtung, also das Erheben von Daten, die beispielsweise nützlich sind für die Schifffahrt oder die Automobilindustrie. Darüber hinaus sehen wir starkes Wachstumspotenzial in neuen Märkten wie dem In Orbit Servicing, also dem Warten von Geräten, die bereits im Weltraum sind, der Fertigung im All sowie der Beseitigung von Weltraumschrott.
Mit dem LEO Cargo Return Service wollen wir ein System für den Transport von Fracht in den Orbit und zurück entwickeln.
Wir fördern auch das Entstehen ganz neuer Märkte im All – mit Initiativen wie der European Launcher Challenge und dem LEO Cargo Return Service. Mit diesem Service wollen wir ein System für den Transport von Fracht in den Orbit und zurück entwickeln – das wird ein bedeutender Schritt für neue kommerzielle Möglichkeiten in der Zukunft sein.
Der Weltraum gilt fürs Investieren und Finanzieren oft als risikoreich. Was tut die ESA dafür, dass der Blick sich verändert?
Traditionell haben Banken und Investoren Schwierigkeiten, Raumfahrtprojekte zu bewerten und zu finanzieren – vor allem aufgrund des Nischencharakters der Branche und der inhärenten Risiken, insbesondere für KMU. Die wachsende strategische Bedeutung des Sektors – gerade im Sicherheitsbereich – wird jedoch helfen, diese Hürden zu reduzieren.
Das erste Orion-Raumschiff, angetrieben vom Europäischen Servicemodul der ESA und dafür entwickelt, Menschen zum Mond zurückzubringen, beobachtet am 5. Dezember 2022 den hinter dem Mond aufgehenden Blick auf die Erde. Bildrechte © ESA
Traditionell haben Banken und Investoren Schwierigkeiten, Raumfahrtprojekte zu bewerten und zu finanzieren – vor allem aufgrund des Nischencharakters der Branche und der inhärenten Risiken.
Die ESA begegnet dem unter anderem durch ihr Investorennetzwerk, das institutionelle Investor*innen und große Banken – darunter die Deutsche Bank als wichtiger Partner – zusammenbringt, um das Risikoverständnis und den sogenannten Dealflow zu verbessern. Parallel arbeitet die ESA mit der Europäischen Kommission und der Europäischen Investitionsbank daran, spezifische Finanzierungsinstrumente und Risikoteilungsmodelle zu entwickeln.
Auch technische Due‑Diligence‑Prüfungen und Einblicke in die Branche stellen wir bereit. Da der Weltraum auch strategisch immer wichtiger wird, vor allem, wenn es um Fragen der Sicherheit geht, sollten Investor*innen auch politische Trends wie die zunehmende Raumfahrtgesetzgebung berücksichtigen, den steigenden Bedarf an Dual‑Use‑Technologien wie Kommunikationssatelliten und den Aufbau großer Satellitenkonstellationen, also Satelliten, die im Verband fliegen.
Wie steht Europa im Vergleich zu den USA und China da – wo liegen die Stärken und die größten Herausforderungen?
Europa verfügt über einige der leistungsfähigsten Raumfahrtsysteme weltweit. Dazu gehören zum Beispiel Copernicus für Erdbeobachtung und Galileo für Navigation, die als führend gelten. Unsere Stärken liegen in hochqualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – und hervorragend aufgestellten Unternehmen.
Wir hinken jedoch bei den Investitionen hinterher: Es sind zu wenige und sie fließen langsam. Außerdem stehen wir in Europa in vielerlei Hinsicht vor einer kleinteiligen Investitions- und Regulationslandschaft. Aktuell laufen Bemühungen, die europaweit unterschiedlichen Anforderungen und Co‑Finanzierungsniveaus stärker zu harmonisieren, damit auch KMU und Start‑ups leichter am Marktgeschehen teilnehmen können.
Das ESA Commercialisation Network: ESA BICs gemeinsam mit den ESA Technology Brokers des PhiLab Network. Bildrechte © ESA
Preisverleihung bei den ESA industry space days. Bildrechte © ESA
Wie kommt Europas Stärke im Bereich Nachhaltigkeit seiner Wettbewerbsfähigkeit in der Weltraumwirtschaft zugute?
Nachhaltigkeit ist für die ESA zentral. Wir wollen, dass das Weltall langfristig ein sicherer, zugänglicher und nachhaltiger Raum bleibt – auch für künftige Generationen. Die ESA war die erste Raumfahrtorganisation, die die Umweltwirkungen ihrer Missionen systematisch überwacht hat. Unsere Green Agenda orientiert sich am Europäischen Green Deal und am Pariser Klimaabkommen. Sie koordiniert Maßnahmen zur Reduzierung unseres ökologischen Fußabdrucks und zur Förderung grüner Technologien.
Wir wollen, dass das Weltall langfristig ein sicherer, zugänglicher und nachhaltiger Raum bleibt – auch für künftige Generationen.
Bis 2030 streben wir null neuen Weltraumschrott an und haben dazu die Zero Debris Charter ins Leben gerufen, die von 21 Staaten und 180 Industriepartnern unterzeichnet wurde. Führungsstärke im Bereich Nachhaltigkeit kann zu einem klaren Wettbewerbsvorteil für die europäische Industrie werden.
Wäre ein Lösungsweg, den Markt im All für neue AkteurInnen zu öffnen?
Unser Ziel bei der ESA ist es, Europas Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit in der globalen Weltraumwirtschaft zu sichern. Die Kommerzialisierung ist heute eine zentrale strategische Priorität. Unsere Aufgabe besteht darin, europäische Programme und Projekte zu realisieren, die keiner der Mitgliedsstaaten jemals im Alleingang auf die Beine stellen könnte.
Dafür haben wir unsere Vertragsprozesse gestrafft und Markteintrittsbarrieren gesenkt – insbesondere für KMU und Start‑ups. Zum Beispiel konnten wir die Zeit, die für Vertragsabschlüsse unter einer Million Euro benötigt wird, halbieren. So helfen wir Unternehmen, ihre Chancen im Weltraum zu nutzen. Und unterstützen gleichzeitig ein agileres und wettbewerbsfähigeres Marktumfeld.
Über Christine Klein
Christine Klein, 50 Jahre, geboren in Bonn, drei Kinder, hat ihr Studium der Politikwissenschaften sowie Internationales und Europäisches Recht 2002 an der Universität Bonn abgeschlossen. Sie begann ihre Arbeit in der Raumfahrtbranche als Projektteammitglied im Bereich ISS‑Kommerzialisierung bei Kesberg, Bütfering & Partner, einem deutschen KMU.
2012 wechselte sie zur Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, wo sie für die finanzielle Planung und das Controlling der deutschen Beiträge zu ESA‑Programmen verantwortlich war. Als Mitglied der deutschen Delegation im ESA‑Ausschuss für Administration und Finanzen (AFC) wurde sie 2016 stellvertretende Vorsitzende und leitete Arbeitsgruppen zur Reform der ESA, einschließlich der Reform der ESA‑Finanzvorschriften im Jahr 2017. Von 2017 bis 2020 war sie Vorsitzende des AFC. Ab 2019 leitete sie die deutsche Delegation im Ausschuss für Industriepolitik (IPC) der ESA und vertrat deutsche Industrieinteressen gegenüber der ESA. 2019 erhielt sie den Fritz‑Rudorf‑Preis für herausragende Leistungen im Rahmen der komplexen hoheitlichen Aufgaben des deutschen Raumfahrtmanagements in Zusammenarbeit mit der ESA.
2020 wechselte Christine zur ESA. Seit Juli 2022 ist sie Leiterin der Bereiche Industriepolitik und Auditing in der Direktion für Kommerzialisierung, Industrie und Wettbewerbsfähigkeit und unter anderem zuständig für die Weiterentwicklung der Industriepolitik der ESA, zuletzt mit einer wichtigen Entscheidung des ESA‑Rates im Juni 2024, die Industriepolitik zu modernisieren.
Über die ESA
Die Europäische Weltraumorganisation ESA ist Europas Tor zum Weltraum. Sie koordiniert und fördert die Entwicklung der europäischen Raumfahrt — und stellt sicher, dass die diesbezüglichen Investitionen allen Europäerinnen und Europäern dauerhaften Nutzen bringen.
Aktuell gehören der ESA 23 Mitgliedsstaaten an. Indem sie die Finanzmittel und das Know-how der einzelnen Länder bündelt, ermöglicht sie die Realisierung von Programmen und Projekten, die keiner der Mitgliedsstaaten jemals im Alleingang auf die Beine stellen könnte. In diesem Zusammenhang vertritt die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR die Interessen der Bundesrepublik Deutschland bei der ESA. Die Interessen der Schweiz werden vom Swiss Space Office (SSO) vertreten. Die Agentur für Luft- und Raumfahrt der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG vertritt im Auftrag des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie die Interessen Österreichs bei der ESA.
Was macht die ESA?
Aufgabe der ESA ist es, das gemeinsame europäische Weltraumprogramm zu konzipieren und umzusetzen. Die Zielsetzung ihrer Projekte ist dementsprechend vielfältig — von der Erforschung der Erde, ihres unmittelbaren Umfelds, des Sonnensystems und des Universums über die Entwicklung satellitengestützter Technologien und Dienstleistungen bis hin zur Förderung verschiedener europäischer High-Tech-Industrien. Damit die gewonnenen Erkenntnisse und Erfindungen nicht nur Europa, sondern der gesamten Menschheit zugutekommen, arbeitet die ESA darüber hinaus auch intensiv mit außereuropäischen Weltraumorganisationen und anderen Raumfahrtinstitutionen zusammen.
Diese Seite wurde im Februar 2026 veröffentlicht.
Yann Couronneaud
... ist Co‑Leiter der Kommunikation der Deutschen Bank für Europa. Der europäische Geist der Zusammenarbeit hat ihn schon immer fasziniert – ein Geist, der in diesem Fall buchstäblich über unseren Planeten hinausreicht. Das Schreiben über das Weltall ermöglicht ihm, aufzuzeigen, wie kollektives Wissen und geteilte Ambitionen Europa und seine Partner immer weiter zu neuen Horizonten führen.
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