(Welt-)All inklusive: Raumfahrt aus einer Hand
Der Weltraum war lange Zeit staatlichen Agenturen vorbehalten, dann kamen Großkonzerne dazu. Mit dem Aufstieg der „New Space Economy“ betreten Mittelständler und Start-ups wie MBS und BST die Bühne – und bringen frischen Wind in einen Milliardenmarkt.
Tom Segert, BST
Mitten in Berlin-Tempelhof, zwischen alten Hangars und Startbahnen, entsteht etwas, das vor wenigen Jahren noch undenkbar schien: eine Fabrik für Satelliten. Schon bald werden hier Woche für Woche Hightech-Bauteile zusammengefügt, die Europas Weg ins All verbreitern sollen.
„Wir bauen gerade eine Fabrik, die Ende nächsten Jahres eine Produktionskapazität von fünf Satelliten haben wird – pro Woche. Das ist für uns ein gewaltiger Sprung nach vorne und notwendig, um dem Bedarf gerecht zu werden“, sagt Tom Segert, Gründer von Berlin Space Technologies (BST).
500 Kilometer weiter südwestlich hat Markus Daiberl seinen Arbeitsplatz inmitten der 135 Antennen der Erdfunkstelle Usingen. Sein Arbeitgeber betreibt hier seit Jahrzehnten Satellitenkommunikation.
Markus Daiberl, MBS
Nun hat sich die MBS (Media Broadcast Satellite GmbH) zum Raumfahrtunternehmen entwickelt. „Responsive Space beinhaltet die komplette Kette, von der Idee über den Bau, den Launch, das Fliegen der Satelliten bis hin zur Datenübertragung – das können wir komplett abbilden“, erklärt Daiberl.
Was beide Unternehmen verbindet: Sie sind Teil einer neuen Generation von Raumfahrtpionieren, die zeigen, wie Innovationskraft im Mittelstand Europas Rolle im All neu definiert.
Mittelstand trifft New Space
Der Markt für Satelliten im niedrigen Erdorbit (LEO) wächst rasant – Global Growth Insights zufolge von 6,9 im Jahr 2025 auf über 36 Milliarden US-Dollar bis 2035. Die Zahl der Starts von Kleinsatelliten explodiert, neue Dienste und Geschäftsmodelle entstehen. „Als vor ungefähr 30 Jahren das Internet hochkam, wurden auch viele Dienstleistungen und viele Angebote revolutioniert. Und Ähnliches passiert gerade im New Space“, beschreibt Daiberl die Dynamik.
MBS hat sich vom klassischen Satellitenkommunikationsdienstleister zum agilen Missionsanbieter entwickelt. Kunden können heute komplette Satellitenmissionen beauftragen – von der ersten Idee bis zum Betrieb im Orbit. „Wir launchen die Satelliten aus Europa heraus und betreiben sie auch selbst. Dadurch haben wir eine gewisse Souveränität und auch den unmittelbaren Zugang zum Weltall“, so Daiberl.
BST bringt die Start-up-Mentalität und industrielle Serienfertigung ins Spiel. Tom Segert beschreibt, wo Europa in der Vergangenheit den größten Nachholbedarf hatte: „Wir schaffen jetzt die industrielle Basis, die Europa bisher gefehlt hat. Die Fähigkeit zur Serienproduktion gab es bisher nicht in Deutschland – anders als in den USA oder auch in Frankreich.“
Was ist “Responsive Space”?
Responsive Space bedeutet, dass Unternehmen Satellitenmissionen schnell, flexibel und komplett aus einer Hand beauftragen können. MBS und BST übernehmen jeden Schritt in der Wertschöpfungskette: vom Satellitenbau über den Start (direkt aus Europa) bis zum laufenden Betrieb und zur Übertragung der Daten.
Dank modularer Bauweise und Serienfertigung können individuelle Missionen innerhalb weniger Wochen oder Monate umgesetzt werden – statt wie früher in Jahren. So wird Raumfahrt für viele Branchen wirtschaftlich und zugänglich.
Kooperation als Erfolgsmodell: ein integriertes Raumfahrt-Ökosystem
Die Zusammenarbeit von MBS und BST steht beispielhaft für die Innovationskraft des deutschen Mittelstands. Gemeinsam decken sie alle Schritte ab: von der Idee über den Bau und den Start der Satelliten bis zum Betrieb im Orbit. Kunden profitieren von „End-to-end“-Lösungen, die es ermöglichen, eigene Ideen ins All zu bringen, ohne selbst Raumfahrtexperten sein zu müssen. „MBS bringt ein Netzwerk von ähnlich orientierten Mittelständlern zusammen, sodass es zum ersten Mal möglich wird, im Mittelstand die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken, ohne dabei auf die üblichen Großfirmen angewiesen zu sein“, so Segert.
„In Europa besitzen wir eine breite Wertschöpfungskette. Was uns jedoch bislang fehlt, ist der Zugang zum Weltraum. Durch den Responsive-Space-Ansatz, mit dem wir in Europa launchen, ermöglichen wir dies innerhalb kürzester Zeit“, betont Daiberl.
Der Satellit LEOS-50 von BST – aktuell ist er als AFR-1-Satellit im All unterwegs.
Was uns in Europa bislang fehlt, ist der Zugang zum Weltraum. Durch den Responsive-Space-Ansatz, mit dem wir in Europa launchen, ermöglichen wir dies innerhalb kürzester Zeit.
Hightech aus dem Hinterhof: Beispiel-Projekte
- Responsive-Space-Missionen für neue Anwendungen
Unternehmen aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Logistik oder Telekommunikation beauftragen maßgeschneiderte Erdbeobachtungs- und Kommunikationsmissionen. MBS und BST übernehmen Bau, Start, Betrieb und Datenbereitstellung – Kunden bringen die Anwendungsidee, der Rest kommt aus einer Hand. „Die Kunden müssen gar nicht unbedingt über Weltraumwissen verfügen. Wir bauen mit BST gemeinsam die Satelliten, verbringen sie ins Weltall und betreiben sie auch“, erläutert Markus Daiberl. - Europäische Startkapazitäten – Zeit-zu-Orbit verkürzen
MBS entwickelt Starts von europäischen Standorten, statt wie bisher überwiegend in den USA zu starten. Das reduziert Zeit, Komplexität und Abhängigkeiten und erhöht die Planbarkeit für europäische Kunden. „Aktuell gibt es drei Standorte: einen in Norwegen, einen anderen in Schottland, ein weiterer ist in Portugal. Von dort aus starten wir sehr wahrscheinlich Ende nächsten Jahres das erste Mal,“ berichtet Daiberl. - Serienfertigung in Berlin – Skalierung „Made in Germany“
BST skaliert: von den Einzelanfertigungen der vergangenen Jahre zu geplanten fünf Satelliten pro Woche. Das ist die Basis, um neue Dienste für europäische Kunden aufzubauen – mit lokaler Wertschöpfung und kurzen Lieferketten. „Dies ist ein gewaltiger Sprung“, so Segert. „Er ist notwendig, um dem Bedarf gerecht zu werden.“ - Dual-Use-Anwendungen: mehrfacher Nutzen, höhere Wirtschaftlichkeit
Die gleichen Satelliten und Technologien dienen zivilen und sicherheitsrelevanten Zwecken – von Schifffahrts-Tracking und Umweltmonitoring bis zu robusten Kommunikationsdiensten erklärt Tom Segert: „Alle Satelliten sind immer dual use – das heißt, man kann die gleiche Technologie anwenden für zivile Anwendungszwecke als auch für sicherheitsrelevante.“
Wirtschaftliche Effekte: Wachstum, Unabhängigkeit, neue Geschäftsmodelle
- Marktwachstum: Der LEO-Satellitenmarkt wächst bis 2035 auf über 36 Milliarden US-Dollar; agile Missionen und Serienfertigung öffnen ihn für Mittelstand und Start-ups.
- Europäische Souveränität: Starts und Betrieb in Europa reduzieren Abhängigkeiten, beschleunigen Projekte und halten Wertschöpfung in der Region.
- Produktivität & Kosten: Serienproduktion senkt Stückkosten, verkürzt Lieferzeiten und erhöht Planbarkeit – entscheidend für sogenannte Satelliten-Konstellationen, bei denen viele baugleiche Modelle in Netzwerken zusammenarbeiten, und skalierbare Dienste.
Risiken und Handlungsfelder? Fachkräfte und Lieferketten
Innovationskraft in der Raumfahrtbranche gedeiht nur, wenn zwei zentrale Voraussetzungen erfüllt sind: qualifizierte Fachkräfte und stabile, unabhängige Lieferketten. Gerade hier sehen die Experten von MBS und BST noch große Herausforderungen. Der zunehmende Fachkräftemangel trifft die Unternehmen spürbar und erschwert es, das hohe Innovationstempo zu halten und ambitionierte Wachstumsziele zu erreichen. Hinzu kommt die Abhängigkeit von einzelnen Zulieferern, etwa bei Schlüsselkomponenten wie Solarzellen, die derzeit überwiegend aus China bezogen werden.
Im Weltraumlabor bei BST.
„Die größte Herausforderung ist der Personalbedarf. Der Fachkräftemangel trifft uns hart. Und ich sehe noch eine gewisse Abhängigkeit von China, was die Solarzellen angeht“, betont Markus Daiberl. Um die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Raumfahrt nachhaltig zu sichern, sind, da sind sich beide Raumfahrtexperten einig, gezielte Maßnahmen von Industrie und Politik gefragt – etwa durch die Förderung technischer Ausbildung, gezielte Fachkräfteprogramme und den Aufbau europäischer Liefernetzwerke.
Ausblick: 2035 als Etappenziel
„Wir sehen uns 2035 als einen der globalen Player in diesem Umfeld“, gibt sich Daiberl optimistisch. Und Segert ergänzt mit Blick auf den deutschen Mittelstand: „MBS ist ein besonders innovativer Vertreter, weil es eine Gruppe von Firmen zusammenbringt, die das gesamte Weltraumsystem von Satellitenbau über Start bis Betrieb abdecken können“.
Die Zusammenarbeit von MBS und BST steht exemplarisch für die Innovationskraft des deutschen Mittelstands: Durch Kooperation, Serienfertigung und Responsive Space entsteht ein tragfähiges, europäisches Raumfahrt-Ökosystem – mit klarem wirtschaftlichem Mehrwert für Unternehmen, Branchen und den Standort Europa.
MBS und die Deutsche Bank
Die Deutsche Bank spielte eine wichtige Rolle bei der Übernahme von MBS durch das Management-Team um Christian Fleischhauer im Jahr 2019. Nachdem der erste Versuch eines Management-Buy-outs 2016 an fehlenden Sicherheiten und einer zu niedrigen Eigenkapitalquote gescheitert war, überzeugte die positive Geschäftsentwicklung der folgenden Jahre schließlich die Deutsche Bank. 2019 ermöglichte sie den Eigentümerwechsel, indem sie trotz eines hohen Finanzierungsbetrages und herausfordernder Besicherungslage Vertrauen in das Potenzial von MBS setzte.
Dieses Vertrauen wurde in den Folgejahren durch eine hervorragende wirtschaftliche Entwicklung und ein starkes Wachstum der MBS bestätigt. Auch alle anschließenden Finanzierungen für Investitionen und Akquisitionen konnten daher von der Deutschen Bank federführend begleitet werden. Es besteht eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Über Markus Daiberl
Markus Daiberl wurde 1977 in Aalen geboren und lebt seit 2010 in der Nähe von Hamburg. Seit 2022 verantwortet Markus den Bereich New Space bei der MBS. Der New Space Bereich kümmert sich um neue, innovative Lösungen im Bereich Weltraum. Ein Highlight war die Konzeptionierung, Entwicklung und der Launch des ersten Satelliten im Januar 2025.
Markus startete seine Karriere im Jahr 2000 im Bereich der Satellitenkommunikation und durchlief hier einige Stationen ehe er sich 2016 dazu entschied, der Satellitenkommunikation den Rücken zu kehren, um sich fortan dem Thema der signalerfassenden Aufklärung zu widmen. Nach 6,5 Jahren zog es Ihnen dann wieder zurück in den Bereich Space.
Über MBS
MBS ist ein inhabergeführtes, mittelständisches deutsches Unternehmen mit internationaler Präsenz. Wir erbringen reaktionsschnelle Weltraumfahrt und stellen unseren Kunden weltraumbasierte Anwendungen als Dienstleistung zur Verfügung. Hierzu betreibt MBS mit über 45 Jahren Erfahrung eigene Bodeninfrastrukturen in Deutschland und Europa, europäische Weltraumverbringungsfähigkeit und eigene Satelliten im Orbit.
Unser Schwerpunkt ist die globale Bereitstellung missionskritischer Ad-Hoc-Fähigkeiten und Kapazitäten für die Auftragserfüllung unserer Kunden. Dies umfasst beispielsweise SatCom, Lagebildgewinnung und -führung sowie Managed Gateways. Unsere internationalen Regierungs- und Industriekunden vertrauen seit Jahrzehnten auf die Qualität, Verlässlichkeit und einsatzerprobte Expertise von MBS.
www.mb-satellite.com
Über Tom Segert
Tom Segert ist der CEO und einer der drei Gründer von Berlin Space Technologies. Er hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und ist seit 2002 in der Raumfahrt aktiv. 2010 gründete er mit Matthias Buhl und Björn Danziger BST, das sich zu einem der führenden Raumfahrtunternehmen entwickelt hat.
Über BST
Berlin Space Technologies (BST) ist weltweit führend in der Massenfertigung von Satellitensystemen und ein Leuchtturm des deutschen "NewSpace"-Ökosystems.
Seit 2010 liefert BST kostengünstige, zuverlässige und bewährte Raumfahrtsysteme. Dank vertikaler Integration können wir unseren internationalen Kunden Hunderte von Komponenten und End-to-End-Raumfahrtlösungen anbieten.
Um unsere eigenständigen Kapazitäten zu erweitern, haben wir im Februar 2026 die erste Stufe unserer neuen Fabrik in Betrieb genommen. Die Reinräume für eine Produktionskapazität von mehr als 200 Satelliten pro Jahr werden im Laufe dieses Jahres hinzukommen.
https://www.berlin-space-tech.com/
Diese Seite wurde im Februar 2026 veröffentlicht.
Maike Tippmann
... wurde im Jahr der Mondlandung geboren. Viele Jahre lang war Star Wars das Erste, was ihr in den Sinn kam, wenn sie an das Weltall dachte. Heute ist sie fasziniert davon, wie tiefgreifend die Weltraumwirtschaft unser Leben bereits heute prägt – und welches, im wahrsten Sinne des Wortes, unendliche Potenzial sie birgt.
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