Hannah Longman: Empathie und Durchblick

Informationen strukturieren und komplexe Konzepte kommunizieren: Wenn ihre Kollegen noch über kniffligen Projekten brüten, hat die neurodiverse Londonerin dank ihrer besonderen Hirnstrukturen die Lösung oft schon vor ihrem geistigen Auge – buchstäblich.

Hannah Longman bezeichnet sich selbst als neurodivergent. „Neurodivergenz ist ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit und auch ein Grund, warum ich in meinem Job gut bin“, sagt sie. Als Mitarbeitende im Audit-Team des Londoner Technologiebereichs überwacht Hannah zurzeit die Umsetzung eines IT-Audits. „Eine Tätigkeit, die Koordination, Zusammenarbeit und Überzeugungsarbeit erfordert. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Aktivitäten nach Prioritäten geordnet sind und die Fristen eingehalten werden", erklärt Hannah. 

Neurodivergenz ist ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit und auch ein Grund, warum ich in meinem Job gut bin.

Etwa eine von fünf Personen ist neurodivergent. Die neurokognitiven Gehirnfunktionen eines neurodivergenten Menschen weichen von dem ab, was die Gesellschaft als Norm (also als „normal“ oder "neurotypisch") definiert. Eine Vielzahl von Eigenschaften werden unter dem Begriff zusammengefasst: von Legasthenie über sensorische Verarbeitungsstörungen bis hin zu ADHS und Autismus.

Meine Neurodivergenz hilft mir, Lösungen zu finden, die für mich offensichtlich sind, für andere aber nicht unbedingt.

Ihre Neurodivergenz hilft Hannah in ihrem Beruf, „Lösungen zu finden, die für mich offensichtlich sind, für andere aber nicht unbedingt“. Wenn ein Kollege bei dem Versuch, eine Governance-Struktur zu definieren, mit der Anzahl der Optionen an seine Grenzen stößt, kann Hannah oft den Prozess in ihrem Kopf sehen. Sie erkennt dabei Möglichkeiten, wie er sich auf die vorhandenen Daten anwenden lässt. Hannah: „Es ist, als würde man jemandem, der mit einem Puzzle kämpft, helfen, indem man ihm das Bild auf der Schachtel zeigt.“

Es ist, als würde man jemandem, der mit einem Puzzle kämpft, helfen, indem man ihm das Bild auf der Schachtel zeigt.

Problemlöserin, Managerin, Ratgeberin

Seit ihrem Start bei der Deutschen Bank im Jahr 2015 hat Hannah in verschiedenen Positionen gearbeitet – auch als Führungskraft. „Ich verfüge über ein hohes Maß an Empathie, was mich meiner Meinung nach zu einer guten Führungskraft macht.“ Und die Art und Weise, wie Hannah Neues verarbeitet, hilft ihr, Konzepte effektiv zu kommunizieren. Dabei teilt sie ihr Wissen gern mit anderen: Ein von ihr geschriebenes Schulungshandbuch, das Projektmanager*innen bei der Navigation durch Governance-Prozesse hilft, ist weit verbreitet.

Neurodiversität

In einer im British Medical Bulletin veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2020 heißt es, dass weltweit jeder fünfte Mensch neurodivers ist, was eine Vielzahl von Ausprägungen umfasst, von Legasthenie über sensorische Verarbeitungsstörungen bis hin zu Autismus und zahlreichen Nuancen dazwischen.

Hannah hat sich „schon immer anders gefühlt“, betont aber, dass Neurodivergenz selten von außen sichtbar ist. „Die meisten Leute würden nicht erkennen, dass ich neurodivergent bin. Sie sehen nicht, dass mir manche Dinge schwerer fallen als anderen Menschen und dass ich die Welt physisch anders erlebe. Ich kann zum Beispiel eine kritische Prüfung ohne Probleme abschließen, aber ich habe Schwierigkeiten damit herauszufinden, wann ich in einem Gespräch an der Reihe bin. Leider sprechen wir nicht oft genug darüber, weil wir alle davon ausgehen, dass das Gehirn eines jeden Menschen genauso funktioniert wie unser eigenes.“

Unterschiede würdigen, Kreativität fördern

Der Ansatz der Neurodiversität ist noch nicht weit verbreitet: Hinter ihm steht die Vorstellung, dass Gehirne sich zwar in Aufbau und Struktur ähneln, jedoch alle unterschiedlich funktionieren. Und jede Ausprägung hat in dieser unendlichen Vielfalt ihre Berechtigung.

Doch immer mehr Unternehmen berücksichtigen die neurodynamische Vielfalt bewusst und entwickeln ihren Umgang damit weiter. Sollten Unternehmen wie die Deutsche Bank weiterhin neurodivergente Talente einstellen? „Ja! Es hat immer etwas Positives, Menschen so anzunehmen, wie sie sind. Unsere Unterschiede sind etwas, das wir feiern sollten, denn sie sind die Grundlage für Kreativität, Verständnis, neue Ideen und neue Arbeitsweisen.“

Fotografien von Amit Lennon

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Michael Herman

... erstellt Inhalte und schreibt Reden für die Deutsche Bank... und glaubt, dass die Geschäftswelt mehr Vielfalt braucht, um Gruppendenken zu vermeiden.

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