„Die Veränderungsbereitschaft hat sich massiv erhöht“

Kaum noch Liquidität, zusammengebrochene Lieferketten, massive Sparmaßnahmen – und dennoch ist für Professor Dietmar Grichnik von der Universität St. Gallen klar: Krisenzeiten sind Gründerzeiten. Warum? Das erklärt er im Interview mit „What Next“.

Video Story: „Die Veränderungsbereitschaft hat sich massiv erhöht“

Die Wirtschaft hat unter der Corona-Krise bereits stark und nachhaltig gelitten. Wie stark hat es junge Unternehmen und Start-ups erwischt?

Im Frühjahr haben die Einschränkungen für viele Unternehmen und vor allem für Start-ups dramatische Dimensionen erreicht. Mehr als zwei Drittel der Start-ups waren damit konfrontiert, dass ihre liquiden Mittel nur noch für drei statt für zwölf oder 18 Monate reichten. Wir nennen das die „rote Zone“. Mehr als 60 Prozent der Start-ups arbeiten im B2B-Bereich. Und hier sind ganze Lieferketten zusammengebrochen. Die Unternehmer mussten also in kürzester Zeit ihre Kosten senken. Über 75 Prozent der Start-ups sagen, dass sie in dieser Zeit Mitarbeitern kündigen mussten.

Wie schafft man es da noch seinen agilen Gründergeist zu bewahren?

Zunächst sehen wir mittlerweile ja deutliche Erholungseffekte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Zeiten der Krise immer auch Zeiten der Gründer waren. Uber, Zalando und GetYourGuide sind zum Beispiel aus der Finanzkrise entstanden. Diese Linien lassen sich klar nachzeichnen: Jetzt ist die Zeit zu starten, jetzt gibt es ein Momentum. Das können Start-ups für sich nutzen.

Für Unternehmer zählt jetzt: Ergreife die Chance, um neue spannende Probleme zu lösen.

Überwiegen denn die Risiken nicht gegenüber den Chancen?

Auf den ersten Blick ist das so. Start-ups sind Monokulturen, sie haben oft nur ein einziges Produkt und versuchen ein bestimmtes Problem zu lösen. Doch plötzlich ist das Problem nicht mehr da und das Geschäft bricht komplett weg, weil meine Kunden nicht mehr aktiv sind. Die Chance besteht nun darin, dass ich in dieser Situation sowohl eine große Veränderungsbereitschaft auf Seiten der Kunden habe und ich meine Technologie nutzbar machen kann. Ein konkretes Beispiel: Unternehmen, die bisher Gutscheinplattformen für Tourismusangebote umgesetzt haben, konnten nun dabei helfen, die Corona-Gutscheine von Reiseveranstaltern abzuwickeln. Für Unternehmer zählt jetzt: Ergreife die Chance, um neue spannende Probleme zu lösen. Das zeigt auch, warum es gerade durch Krisen neue Unternehmen gibt: Gleichzeitige Veränderungen auf der Nachfrage- und Anbieter-Seite führen zu neuen Lösungen. Das setzt allerdings voraus, dass ich die Luft zu atmen, die Liquidität und die Veränderungsbereitschaft habe, die Chance zu nutzen.

Ist das nicht ein sehr schmaler Grat zwischen Chance und Risiko, wenn ich die Wahl habe, das bisherige Geschäftsmodell aufrecht erhalten zu wollen oder mich in der Krise neu zu erfinden?

Klar, aber wir wissen eben nicht was das größere Risiko ist. Es gibt in dieser Situation keinen sicheren Hafen. Der Reflex ist oft: Wenn ich nichts tue, bin ich sicher. Aber das ist nicht unbedingt richtig. Ich halte in dieser Situation es für eine höchst gefährliche Position, nichts zu tun. Ich muss aber auch nicht mein Kerngeschäft komplett aufgeben, sondern mir das Portfolio nutzbar machen, das mir zur Verfügung steht

Gibt es denn überhaupt ein Zurück in die „alte Normalität“?

Das ist eine schwierige Frage. Nehmen wir den Onlinehandel mit Brillen: Da tummeln sich zwar viele Akteure, aber das Geschäft hat lange nicht richtig gut funktioniert. Als die Läden dann erstmal geschlossen waren, hat der Kunde keine andere Möglichkeit gehabt, als online zu schauen. So lernt er diesen Kanal neu kennen. Corona hat uns als Kunden also plötzlich digitalisiert – aus der Notlage heraus. Damit werden alte Muster und früheres Kaufverhalten zwar nicht obsolet, aber es verändert sich etwas. Viele, die in der Hochphase von Corona neu digitale Wege gegangen sind, werden aus meiner Sicht gut daran tun, daran festzuhalten. Aber sicher müssen wir diese „neue Normalität“ erst einmal ergründen, die Zahlen messen und das Kundenverhalten beobachten. Eines lässt sich aber heute schon sagen: Die Veränderungsbereitschaft von Kunden und Unternehmen hat sich massiv erhöht.

Wo werden wir diese Veränderung am stärksten beobachten können?

Klar ist ja, dass wir eine weltweite Gesundheitskrise haben. Deshalb erwarte ich, wenig überraschend, dass wir eine viel stärkere Digitalisierung des Gesundheitswesens sehen werden. Wir sind gerade hochgradig sensibilisiert für digitale Lösungen dieser Branche. Und Start-ups werden zunehmend die Kundenschnittstelle übernehmen – mit den großen Konzernen als Produktanbieter im Hintergrund. Das ist zwar nicht durch Corona entstanden, aber es wurde beschleunigt. Das sind die spannenden Phänomene der nächsten Zeit.

Über Dietmar Grichnik

Dietmar Grichnik ist Professor für Entrepreneurship und Technologiemanagement an der Universität St. Gallen, Schweiz. Dort gründete er das Zentrum für Unternehmertum und leitet das Institut für Technologiemanagement der Hochschule. Nach seiner Banklehre bei der Deutschen Bank in Essen studierte er Betriebswirtschaftslehre in Köln, bevor er über Stationen an Universitäten in Düsseldorf, Witten/Herdecke und Harvard in die Schweiz kam.

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