Marta Czekaj

„Europa steht derzeit an einem sehr vielver­sprechenden Punkt“

In Europa entsteht eine neue Generation innovativer Unternehmen. Aber können sie schnell genug wachsen, um weltweit zu bestehen? Marta Czekaj und Milos Spiridonovic erklären, wie die EU ihre Chancen verbessern kann

Europas entscheidender Vorteil steht auf einem Acker. Langsam setzt sich der hellgrüne Traktor aus dem Hause Claas in Bewegung. Das 1913 gegründete deutsche Unternehmen zählt nicht nur zu den weltweit führenden Herstellern von Landmaschinen – es liefert auch die dazugehörigen Systeme und Steuerungen. Mithilfe von Satellitenbildern und Drohnendaten unterstützt Claas Landwirte unter anderem bei der Entscheidung, wo gedüngt werden soll.

Claas Präzisionslandwirtschaft - Traktor, vom Tablet aus gesteuert

Claas Landmaschinen - vom Tablet aus wird die Arbeit an den Feldkanten gesteuert

Das Beispiel Unkraut zeigt, warum künstliche Intelligenz (KI) für Claas zum nächsten großen Entwicklungsschritt werden kann. „Unkraut lässt sich entweder mechanisch oder mit Lasern entfernen“, sagt Wolf von Wendorff, verantwortlich für Global Digital Solutions.

„Dafür muss extrem präzise gearbeitet werden – mitunter auch sehr langsam. Ohne Autonomie ist das kaum machbar.“ Deshalb treffe die KI situationsabhängige Entscheidungen, die Maschine setze sie um.

Für Marta Czekaj, Finanzierungsexpertin beim Vermögensverwalter DWS, steht diese Verbindung aus KI und Industrie beispielhaft für einen der wichtigsten Vorteile Europas. „In der nächsten Phase der technologischen Entwicklung wird es zunehmend darum gehen, KI in traditionelle Industrien zu bringen – und genau dort ist Europa strukturell stark“, sagt sie. „Europa ist derzeit an einem sehr vielversprechenden Punkt.“

Diese Einschätzung widerspricht dem hartnäckigen Vorurteil, Europa sei technologisch ins Hintertreffen geraten. Aus Czekajs Sicht blendet diese Wahrnehmung einige grundlegende Stärken des Kontinents aus. „Europa verfügt über enorme Kompetenzen im Ingenieurwesen, in der wissenschaftlichen Forschung und in der Industrie – und bringt weiterhin hochinnovative Unternehmen hervor“, sagt Czekaj, die bei der DWS auf Wachstumsfinanzierungen für europäische Technologieunternehmen spezialisiert ist.

Zwei Hebel gegen Europas größte Wachstumshemmnisse

Viele dieser Unternehmen sind sogenannte Scale-ups: ehemalige Start-ups, die besonders schnell wachsen. Doch genau in dieser Phase beginnt die eigentliche Herausforderung. Sobald Unternehmen der Start-up-Phase entwachsen, steigt ihr Kapitalbedarf häufig sprunghaft – und hier klafft in Europa noch immer eine erhebliche Lücke.

Was sind Scale-ups?

Scale-ups sind wachstumsstarke Unternehmen, die die Start-up-Phase hinter sich gelassen haben und ihr Geschäft nun schnell ausbauen. In der Regel haben sie die Tragfähigkeit ihrer Technologie oder ihres Geschäftsmodells bereits bewiesen, benötigen jedoch zusätzliche Investitionen, um das Wachstum zu beschleunigen, international zu expandieren oder die Produktion hochzufahren.

Deutlich helfen würden tiefere und stärker integrierte europäische Kapitalmärkte – und letztlich eine Kapitalmarktunion. „Wer heute EU-weit in Technologieunternehmen investieren will, muss sich noch immer mit unterschiedlichen Vorschriften in den einzelnen Mitgliedstaaten auseinandersetzen“, sagt Czekaj. Fachleute sind sich einig: Eine europäische Kapitalmarktunion würde Hürden für grenzüberschreitende Investitionen abbauen und Unternehmen den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern.

Europa sollte nicht versuchen, zum Silicon Valley zu werden, sondern das groß machen, was es am besten kann.Marta Czekaj

Unterschiedliche Regeln bremsen jedoch nicht nur die Kapitalmärkte. Milos Spiridonovic, Experte im Geschäft mit Unternehmenskunde der Deutschen Bank, fordert deshalb, den europäischen Binnenmarkt entschlossen zu stärken. „Ein Unternehmen, das von Deutschland nach Frankreich, Belgien oder Italien expandiert, trifft dort auf jeweils andere Vorgaben im Arbeitsrecht, bei Steuern und in Genehmigungsverfahren“, sagt Spiridonovic. Er berät schnell wachsende europäische Technologieunternehmen aus Bereichen wie Software, Finanzen, Deep Tech und KI.

Milos Spiridonovic

Die unterschiedlichen Regeln in Europas Ländern machen es Scale-ups schwer, auf dem Kontinent zu expandieren – mit Folgen für ganze Volkswirtschaften. 2024 schätzten Fachleute des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass die internen Hürden für den Warenhandel in der EU einem Zoll von rund 45 Prozent entsprechen. Zwischen den US-Bundesstaaten lag dieser Wert bei etwa 15 Prozent.

Ein möglicher Ansatz ist das Konzept „EU Inc.“. „Eine solche harmonisierte europäische Gesellschaftsform würde für Unternehmen zu deutlich einheitlicheren Regeln in Europa führen“, sagt Spiridonovic. Er und Czekaj sind überzeugt: Reformen dieser Art würden das bereits große Interesse von Investoren an Europa unmittelbar verstärken.

Was ist EU Inc.?

EU Inc. ist eine Initiative der Europäischen Kommission mit dem Ziel, eine standardisierte, europaweit einheitliche Gesellschaftsform zu schaffen – mit gemeinsamen Regeln für Gründung, Unternehmensführung, Kapitalaufnahme und Mitarbeiterbeteiligung. Start-ups und Scale-ups sollen so leichter Kapital einwerben, Talente gewinnen und europaweit expandieren können, ohne sich durch zahlreiche nationale Gesellschaftsrechtsordnungen arbeiten zu müssen. Die konkrete Ausgestaltung wird noch diskutiert, doch das Kernziel ist klar: Fragmentierung abbauen und mehr europäischen Technologieunternehmen den Aufstieg zu globalen Marktführern in ihrem Bereich ermöglichen.

Warum Europas alte Stärken der Schlüssel zu seiner Zukunft sein könnten

Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage der Deutschen Bank unter 1.200 Führungskräften bestätigt das große Interesse der Investoren. Für 81 Prozent der Befragten ist Europa heute wichtiger für Investitionsentscheidungen als noch vor drei Jahren. In dieselbe Richtung weist ein Bericht von Deutsche Bank Research: Demnach stiegen die Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft, im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr um 44 Prozent – vor allem dank mehrerer großer Finanzierungsrunden für Scale-ups.

Mit Blick auf das Potenzial, das die richtigen Strukturreformen freisetzen könnten, blicken Czekaj und Spiridonovic optimistisch auf Europas Zukunft – und noch zuversichtlicher auf die seiner Scale-ups. „Europa hat alles, was es braucht, um Innovation voranzutreiben“, sagt Czekaj. „Es sollte nicht versuchen, zum Silicon Valley zu werden, sondern das groß machen, was es am besten kann.“

Diese Unternehmen verbinden Spitzentechnologie und Software mit tiefem Fachwissen in ihrer jeweiligen Nische.
Milos Spiridonovic über die neue Generation innovativer Europäischer Unternehmen

Spiridonovic sieht sogar eine neue Generation europäischer Unternehmen mit dem Potenzial, in ihren Branchen zu Weltmarktführern aufzusteigen. „Diese Unternehmen konzentrieren sich konsequent auf konkrete industrielle Herausforderungen“, erklärt er. „Dabei verbinden sie Spitzentechnologie und Software mit tiefem Fachwissen in ihrer jeweiligen Nische.“

Claas Präzisionslandwirtschaft - vernetzte Terminals in der Fahrerkabine

Von der Kabine aus ist alles verbunden

Das entspricht ganz dem Denken von Wolf von Wendorff beim Landmaschinenhersteller Claas. Seiner Überzeugung nach werden drei Kräfte die Zukunft der Landwirtschaft prägen: Robotik, Autonomie und KI. Hinzu kommt das Wissen über den Acker. „Am Ende zählt Erfahrung in Form von Daten“, sagt er. „Die Landwirte, die heute die meisten Stunden auf dem Feld verbringen und möglichst viele saubere Datensätze sammeln können, werden 2035 zu den Besten gehören.“

Europas Zukunft entsteht also womöglich weniger in der Nachahmung der berühmten Garage in Kalifornien als vielmehr auf seinen Feldern, in seinen Fabriken und Laboren – dort, wo der Kontinent seine Stärken hat.

Deutsche Bank, DWS und Scale-ups

Wachsende Technologieunternehmen brauchen mehr als Kapital, um ihr Geschäftsmodell erfolgreich zu skalieren. Deutsche Bank und DWS arbeiten deshalb zusammen, um Scale-ups über ihren gesamten Wachstumspfad hinweg zu begleiten – mit gebündelter Bankexpertise, Finanzierungslösungen und Investmentkompetenz.

Die Deutsche Bank unterstützt Scale-ups im täglichen Bankgeschäft, bei der internationalen Expansion, im Zahlungsverkehr und Liquiditätsmanagement, bei Krediten sowie beim Zugang zu den globalen Kapitalmärkten. Die DWS ergänzt dies mit Investmentexpertise und Wachstumsfinanzierungen aus ihrem Private-Credit-Geschäft. Dazu zählen passgenaue Fremdkapitallösungen für Technologieunternehmen, deren Kapitalbedarf über klassische Bankkredite oder Eigenkapitalfinanzierungen hinausgehen kann.

Mit einem globalen Netzwerk aus Bankexperten, Investoren und Unternehmenskontakten helfen Deutsche Bank und DWS europäischen Scale-ups, Kapital zu erschließen, ihr Wachstum zu beschleunigen und international zu expandieren.

Das Wichtigste in Kürze

Europa braucht diese drei Strukturreformen, um das Potenzial seiner Start-ups und Scale-ups deutlich besser auszuschöpfen:

  1. Vertiefung und stärkere Integration der europäischen Kapitalmärkte mit dem Ziel, der …
  2. Schaffung einer europäischen Kapitalmarktunion.
  3. Entschlossene Stärkung des europäischen Binnenmarkts, zum Beispiel durch die Umsetzung von „EU Inc.“ – einer Initiative der Europäischen Kommission zur Schaffung einer standardisierten, europaweit einheitlichen Gesellschaftsform mit gemeinsamen Regeln für Gründung, Unternehmensführung, Kapitalaufnahme und Mitarbeiterbeteiligung.

Milos Spiridonovic

Über Milos Spiridonovic

Milos Spiridonovic verantwortet die Beziehungen der Deutschen Bank zu Start-ups, Scale-ups und Technologieunternehmen in ganz Europa. Er arbeitet eng mit Gründern und Managementteams zusammen, um innovative Unternehmen bei ihrer internationalen Expansion zu unterstützen und ihnen Zugang zu strategischen Finanzdienstleistungen zu ermöglichen.

Sein Fokus liegt auf wachstumsstarken Technologieunternehmen aus Bereichen wie Software, Finanzen, KI, Deep Tech, Robotik und Verteidigung. Milos berät Unternehmen von der Start-up-Phase bis zu dem Punkt, an dem sie bereit für eine Finanzierung über die Kapitalmärkte sind.

Milos verbindet fundierte Kenntnisse der am schnellsten wachsenden europäischen Technologieunternehmen mit umfassender Expertise bei Finanzdienstleistungen für diese Kunden. Es ist ihm ein besonderes Anliegen, europäische Unternehmer*innen dabei zu unterstützen, global wettbewerbsfähige Unternehmen aufzubauen. Ein starkes Scale-up-Ökosystem ist aus seiner Sicht entscheidend für Europas langfristige wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, Innovationskraft und technologische Souveränität.

Marta Czekaj spricht bei einer Konferenz

Über Marta Czekaj

Marta Czekaj strukturiert Fremdkapitalinvestitionen im Private-Credit-Geschäft der DWS. Vereinfacht gesagt investiert Private Credit das Kapital institutioneller Anleger über individuell strukturierte Darlehen direkt in Unternehmen – als Ergänzung zu klassischen Bankkrediten und öffentlichen Anleihemärkten.

Sie arbeitet mit europäischen Technologieunternehmen in kapitalintensiven Branchen wie Robotik, Industrieautomatisierung, Energiewende und Verteidigung. Für entscheidende Wachstumsphasen entwickelt sie passgenaue Fremdkapitallösungen, die zusätzliches Kapital neben der Eigenkapitalfinanzierung bereitstellen.

Vor ihrem Wechsel zur DWS arbeitete Marta bei J.P. Morgan und der Silicon Valley Bank mit Technologieunternehmen und Investoren zusammen. Deren Niederlassung in Deutschland gründete sie mit. Ihre Erfahrung umfasst Private Credit, Wachstums- und Wagnisfinanzierungen sowie Corporate Finance. Dadurch verfügt sie über einen breiten Blick darauf, wie unterschiedliche Kapitalformen Technologieunternehmen unterstützen können.

Über die Deutsche Bank und Europa

Europa ist mehr als ein Markt. Es ist ein Raum für Ideen, Wachstum und Zusammenarbeit.

Die Deutsche Bank zeigt, wo europäische Unternehmen schon heute Maßstäbe setzen – und wie Kapital, Expertise und Netzwerke helfen, Chancen über Grenzen hinweg zu nutzen.

Als globale Hausbank mit europäischen Wurzeln und einem internationalen Netzwerk verbinden wir Unternehmen und Investoren: von Europa in die Welt und von der Welt nach Europa.

Wie sehen Investoren und Wirtschaftslenker außerhalb von Europa den Kontinent, sein Potenzial und Wachstumschancen für das eigene Unternehmen? Hier geht es zu unserer aktuellen Europa-Umfrage:  Global Sentiment Survey zu Europa 2026

Georg Berger

Georg Berger

… arbeitet bei der Deutschen Bank an internationalen Kommunikationsprojekten. Ihn interessiert, wie Europas nächste Technologie-Champions aussehen könnten, welche Eigenschaften sie gemeinsam haben – und was sie brauchen, um in ihrer Branche tatsächlich zu Weltmarktführern aufzusteigen.

Diese Seite wurde im Oktober 2026 veröffentlicht.

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