„Wasser schützen heißt nachhaltig wirtschaften“

Warum wir mit Wasser sorgsam umgehen müssen. Und wie die Industrie zum Schutz dieser wertvollen Ressource und einer nachhaltigen Entwicklung der Märkte beitragen kann. Ein Gespräch mit dem US-Wasser-Ökonomen Joseph Kane von der Brookings Institution.

Mr Kane, welche Risiken müssen Unternehmen im Blick haben im Umgang mit Wasser?

Die Sorge um die Wassernutzung betrifft viele Unternehmen. Unsere Oberflächen- und Grundwasservorräte sind nicht unendlich, und die Sorgen um Knappheit und effiziente Nutzung nehmen zu. Durch veraltete, undichte Leitungen werden zum Beispiel in den USA jährlich tausende Milliarden Liter Wasser verschwendet. Von der Landwirtschaft bis hin zur Produktion ist Wasser eine wichtige Ressource, aber es besteht ein großer Bedarf an neuen Konzepten und besseren Technologien, um mit unseren Wasservorräten hauszuhalten und sie zu schützen.

Auch veraltete Abwasser- und Regenwassersystemen sind eine große Herausforderung: Viele Abwasserkanäle sind marode und ineffizient konstruiert, so dass sie im Alltag schnell überlastet sind, ganz zu schweigen von großen Hurrikans oder Stürmen. Verunreinigungen, etwa durch Sedimente, nehmen ebenfalls zu, was zu enormen Problemen mit dem Regenwasser führt. Dadurch sehen sich die Wasserversorger mit höheren Reparaturkosten konfrontiert und verlangen von ihren Kunden höhere Tarife – auch den Unternehmen. 

Ein immer extremeres und unsichereres Klima verstärkt diese Probleme noch. Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und Frost sind kein Zufall, sondern akute, mitunter sogar chronische Störfälle, die Gemeinden, Versorger und Unternehmen immer häufiger und härter treffen. Die Folge sind steigende Betriebs- und Versicherungsrisiken sowie zunehmende Schäden, Unterbrechungen und Kosten für die Wasserinfrastruktur. Es ist wichtig, Maßnehmen zu ergreifen, um die weiteren Folgen des Klimawandels zu mindern. Aber Unternehmen haben bereits jetzt mit diesen klimatischen Realitäten zu kämpfen und passen sich ihnen an.

Es besteht ein großer Bedarf an neuen Konzepten und besseren Technologien, um mit unseren Wasservorräten hauszuhalten und sie zu schützen.
Joseph Kane

Wie wirken sich diese Risiken auf das Geschäft und die finanzielle Lage von Unternehmen aus?

Unsere Wasserinfrastruktur ist ein Gut, das allen gehört – mit all seinen Vorteilen, aber auch den dazugehörigen Kosten. Diese Risiken treffen also sowohl Hersteller wie Verbraucher. Unternehmen, die auf Wasserressourcen angewiesen sind, um Nutzpflanzen anzubauen, Waren zu produzieren und Dienstleistungen anzubieten, sind anfällig für solche Risiken.

Gleiches gilt auch für Unternehmen, die für ihren Betrieb auf Wasser angewiesen sind. In Gebäuden können Rohre brechen, Autobahnen bei Überschwemmungen gesperrt werden, die Arbeit in den Häfen kann sich bei großen Stürmen verzögern.

Neben unserer Gesundheit und Sicherheit kann also auch die Wirtschaft unter diesen Folgen leiden.

Was können Investoren tun, um Unternehmen dabei zu helfen, diese Risiken zu mindern und ihre ESG-Ziele zu erreichen?

Viele dieser Herausforderungen sind massiv – sie zu bewältigen aber eine kleinteilige Herausforderungen auf lokaler Ebene, die gerne an den öffentlichen Wasserversorgern hängen bleibt, denen aber wiederum die finanziellen und technischen Kapazitäten für Investitionen fehlen. Auch wenn der Fokus derzeit auf der Regierung des gesamten Landes liegt: Hier in den USA sind die Bundesstaaten und Kommunen für 95 Prozent der gesamten öffentlichen Ausgaben für Wasser verantwortlich.

Aber auch Unternehmen und andere Akteure des Privatsektors spielen eine zentrale Rolle, diese Risiken zu bewältigen und die Infrastruktur zu verbessern. Investoren müssen Ausmaß und Vielfalt der Herausforderungen und Chancen erkennen, mit denen unser Gemeinwesen konfrontiert ist.

Unsere Wasserinfrastruktur erfordert kontinuierliche Wartung und Investitionen, die zukunftsweisende grüne Konzepte oder innovative Technologien umfassen. Ob Seedeiche, Regengärten oder digitale Sensoren: Es gibt viele Möglichkeiten, Wasserrisiken effektiver zu managen und Kosten zu senken. Es liegt an den öffentlichen und privaten Entscheidungsträgern, Planungen und Investitionen zu beschleunigen.

Welches sind die drei Branchen, die am meisten auf Wasser angewiesen sind? Und wie können sie im Umgang mit Wasser sowohl ESG- als auch Markterwartungen zu erfüllen?

Alle Branchen sind von der Wasserinfrastruktur abhängig, aber einige nutzen die Ressource in größerem Umfang, um ihre Produktion zu steigern und ihre Marktaktivitäten voranzutreiben. Für wasserabhängige Industrien können Investitionen in neue Technologien und andere innovative Wassermanagement-Praktiken zu Effizienzsteigerungen führen, den Grad der Verschmutzung minimieren und den Umweltschutz vorantreiben.

Nach Schätzungen des USGS (United States Geological Survey) verbraucht der Energiesektor tendenziell das meiste Wasser. Die Erzeugung von thermoelektrischer Energie macht fast 41 Prozent aller Wasserentnahmen aus, um das Wasser in jenen Kraftwerken zu kühlen, die Kohle, Erdgas und andere fossile Quellen in Energie umwandeln.

Der Einsatz erneuerbarer Energiequellen, einschließlich Solar- und Windenergie, aber auch neue Technologien zur Wasseraufbereitung würden unseren Wasserbedarf in diesem Sektor verringern können. Geschlossene Kühlsysteme, Abwasserrecycling und Entsalzungsanlagen sind nur einige der Innovationen, die derzeit entwickelt werden, um unseren Wasserstress zu bewältigen und von zusätzlichen Investitionen und Skalierung zu profitieren.

Auch die Landwirtschaft verbraucht große Mengen Wasser – allein auf die Bewässerung entfallen 37 Prozent. Der Anbau bestimmter Pflanzen ist enorm wasserintensiv und belastet sowohl unsere Oberflächen- als auch unsere Grundwasservorräte. Landwirtschaftliche Abwässer können die Umwelt ebenfalls schädigen –sie können Pestizide und Abfälle aus der Viehzucht enthalten. Landwirte, Viehzüchter und andere landwirtschaftliche Betriebe setzen jedoch neue Technologien und Verfahren ein, um die Auswirkungen auf das Wasser zu verringern.

Fortschritte in der Bewässerungstechnologie, zum Beispiel Sprinklerbewässerung und Mikrobewässerung, können ebenso helfen wie ein verantwortungsvolles Grundwassermanagement. Begrünte Pufferzonen zu erhalten kann helfen, den Wasserabfluss zu filtern und zu managen. Der Schlüssel ist die weitere Förderung und Skalierung solcher Lösungen, angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort.

Der Industrie- und Produktionssektor ist ebenfalls stark von Wasser abhängig. Vor allem die Produktion von Lebensmitteln und Getränken, Papier und Chemikalien ist auf große Mengen Wasser angewiesen. Selbst für die Herstellung einfacher Produkte wie T-Shirts können jeweils 700 oder mehr Gallonen Wasser benötigt werden (das entspricht mehr als 2500 Litern pro T-Shirt).

Eine Umstellung der verwendeten Rohstoffe, der Produktionsprozesse und der eingesetzten Technologien kann die Wassereffizienz erhöhen. Die Anpassung unserer bestehenden industriellen Verfahren kann mit branchenweiten Partnerschaften und gemeinsamen Konzepten einhergehen. Der Water Council zum Beispiel bündelt Maßnahmen von 238 Wassertechnologieunternehmen, um die Einführung innovativer Verfahren zu beschleunigen.

Welche Branchen stellen die größten Belastungen für das Wasser dar? Und wie können Investoren sicherstellen, dass diese Risiken gemanagt werden?

Während Energie, Landwirtschaft und Produktion erhebliche Herausforderungen für das Wassermanagement darstellen, ist der vielleicht besorgniserregendste – und gleichzeitig chancenreichste – Sektor die Immobilien- und Landentwicklung. Das vorherrschende Wachstumsmuster in den USA bestand lange Zeit in der Zersiedelung von Wohn-, Gewerbe- und Industriegebieten mit geringer Dichte.

Dieses Vorgehen zieht nicht nur den Ausbau und die Instandhaltung einer ausgedehnteren Wasserinfrastruktur nach sich, es verschlingt auch Grünflächen und trägt zu einer erheblichen Verschmutzung des Regenwassers bei. Wie wir in Houston in Texas während des Hurrikans Harvey vor ein paar Jahren gesehen haben, waren die erheblichen Überschwemmungsschäden und -kosten zumindest teilweise auf die enorme Menge versiegelter Oberflächen, d.h. Dächer und Straßen, zurückzuführen.

Diese Situation machte es dem Wasser schwer, einfach im Boden zu versickern. Auf der anderen Seite benötigen dichtere, gemischt genutzte Bebauungen tendenziell weniger Infrastruktur, erhalten mehr Grünflächen und führen zu lebenswerteren und wirtschaftlich dynamischeren Ergebnissen.

Lokale Planer und Immobilienentwickler müssen sich über neuartige Landnutzungsstrategien verständigen, aber auch Wasserversorger und andere Akteure, einschließlich Investoren, können hier aktiv werden. Während Kommunen veraltete Infrastrukturen reparieren und ersetzen, Umweltauflagen erfüllen und versuchen, neue umweltfreundliche Designs und Technologien zu integrieren, bremst ein Mangel an öffentlichen Mitteln und die eingeschränkte Möglichkeit, neue Schulden zu machen, die weitere Entwicklung.

Neue Finanzinstrumente, darunter Green Bonds, Klimaanleihen und Umweltverträglichkeitsanleihen, eröffnen jedoch neue Möglichkeiten, diese Projekte zu beschleunigen. Neue öffentlich-private Partnerschaften, vor allem auf Gemeindeebene, verteilen die Risiken, erhöhen den Nutzen für die Gemeinde und ermöglichen die Umsetzung weiterer Projekte.

Also muss der Umgang mit unseren Wasserrisiken nicht nur auf geringere Kosten abzielen. Es können sich auch neue Möglichkeiten für Zusammenarbeit und Investitionen auftun. So können wir landesweit mehr Menschen und Orten helfen – mit mehr Konsistenz, Sicherheit und strategischer Ausrichtung.

Über Joseph W. Kane

Joseph W. Kane ist Senior Research Associate & Associate Fellow am Metropolitan Policy Program der Brookings Institution. Kanes Arbeit konzentriert sich auf ein breites Spektrum von Themen mit Umweltbezug, einschließlich Transport und Wasserinfrastruktur. Innerhalb dieser Forschungsbereiche hat Kane die zentrale Rolle von Infrastruktur für die Wirtschaft in verschiedenen Regionen sowie ihren Beitrag zur Nutzung von Chancen und Ausbildung von Widerstandsfähigkeit untersucht. Vor seiner Tätigkeit bei Brookings war Kane Wirtschaftswissenschaftler beim U.S. Bureau of Labor Statistics. Kane hat einen Master-Abschluss in Stadt- und Umweltplanung von der University of Virginia und einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaft und Geschichte des College of William and Mary.

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