Nachricht 21. Januar 2026

Beton neu gedacht: Wie Heidelberg Materials die Bauindustrie umkrempeln möchte

Beton ist überall. Er trägt Brücken, formt Hochhäuser und sichert Straßen. Ohne ihn wäre die moderne Welt kaum vorstellbar. Doch er trägt auch zum Klimaproblem bei: Das Herstellen von Zement, dem „Klebstoff“ im Beton, verursacht rund acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen – mehr als die gesamte Luftfahrt. Wie lässt sich dies lösen?

Die Revolution im Zementwerk

Eine Antwort findet sich in Brevik, einer kleinen Stadt an der norwegischen Nordseeküste. Hier steht ein Zementwerk, das in die Zukunft weist. Heidelberg Materials hat in Brevik die weltweit erste groß-industriell Anlage gebaut, die Kohlendioxid aus der Zementproduktion abscheidet. Rund 400.000 Tonnen CO₂ sollen jedes Jahr verflüssigt und zu einem Onshore-Terminal an der norwegischen Westküste verschifft werden. Von dort aus wird es per Pipeline in eine Lagerstätte unter der Nordsee transportiert und so dauerhaft eingeschlossen.

Luftaufnahme des Industriehafens und des angrenzenden Wohngebiets von Brevik in Norwegen.

Für die Branche ist das ein Paukenschlag: Jahrzehntelang galt es als „ausgeschlossen, den CO₂-intensiven Zementproduktionsprozess zu dekarbonisieren. Nun zeigt Heidelberg Materials, wie es gehen kann.

Das Verfahren heißt unter Fachleuten „Carbon Capture and Storage“ (CCS) – das klingt kompliziert, ist aber schnell erklärt: Das CO₂ wird aus den Abgasen während der Produktion gefiltert, verflüssigt und per Schiff zu einem Terminal gebracht. Von dort geht es in tiefe Gesteinsschichten unter der Nordsee. Das CO₂ -Speicher-Projekt trägt den Namen „Northern Lights“ – ein poetischer Titel für eine überlebenswichtige Mission: Klimaschutz.

Bevölkerungswachstum und Beton

Die Welt braucht Beton. Bis 2050 werden Schätzungen zufolge zwei Milliarden Menschen zusätzlich in Städten leben. Diese Entwicklung geht mit einem wachsenden Bedarf an Infrastruktur einher: Brücken, Wohnungen, Straßen – all das muss gebaut werden. Alternative Materialien wie Holz, Pilze oder Bambus sind wichtig, aber sie allein können den Bedarf nicht decken. Wer also ernsthaft Klimaziele erreichen will, muss den Zement umweltverträglicher machen.

Zusammenarbeit und Anreize sind wichtig

Das ambitionierte Projekt in Brevik ist allerdings kein Schnäppchen. Rund 400 Millionen Euro kostet die Abscheide-Anlage. Und der dort produzierte nachhaltige Zement ist derzeit noch 20 bis 30 Prozent teurer als herkömmlicher. Ohne öffentliche Hilfe und ohne Banken, die bereit sind, neue Wege zu gehen, wären solche Vorhaben nicht zu stemmen. Die norwegische Regierung unterstützt es über das Programm „Longship“: eine staatliche Klimaschutzinitiative, die Pionierprojekte fördert, mit denen sich Industrie-Emissionen senken lassen. Die Deutsche Bank gehört zu den Finanzierungspartnern. In dieser Rolle unterstützt sie Heidelberg Materials unter anderem bei der Emission von Sustainability Linked Loans: Anleihen, deren Konditionen an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt sind.

Für Heidelberg Materials ist das mehr als ein Finanzgeschäft – es ist auch ein Signal an die Märkte: Klimaschutz lohnt sich.

Als Bank sehen wir es als unsere Aufgabe an, als ein verlässlicher Partner die Transformation unserer Kunden zu unterstützen. Die Zement-Industrie gilt gemeinhin als schwer zu dekarbonisierender Sektor. Wir sind überzeugt, dass CCS-Technologie ein wichtiger und notwendiger Baustein dafür ist und von der Anlage in Brevik ein wichtiges Signal ausgeht.
Lavinia Bauerochse, Leiterin Sustainable & Transformation Finance in der Unternehmensbank

Veränderte Debatte rund um CCS

Die Debatte und die Erkenntnisse rund um das CCS-Verfahren haben sich verändert. Vor zehn Jahren war die Technik für viele Umweltschützer ein rotes Tuch. Zu teuer, zu riskant, ein Feigenblatt für die fossile Industrie. Heute überwiegt eher das positive Narrativ. Es gibt einen wachsenden Konsens, dass bestimmte Sektoren auf diese Technologien angewiesen sind, wenn sie ihre CO₂ Emissionen deutlich verringern wollen. Alternative Baustoffe und Baustoffrecycling sind weiterhin wichtige Entwicklungen, um die Bauindustrie nachhaltiger zu gestalten. Dennoch sieht der Weltklimarat in CCS eine Schlüsseltechnologie für Branchen, die sich nicht ohne Weiteres elektrifizieren lassen – dazu zählt auch die Zementindustrie. Ohne derartige Lösungen seien die Pariser Klimaziele kaum erreichbar, so die Analyse.

Erste Gebäude geplant

Mit dekarbonisiertem Zement lassen sich nun Gebäude planen, die nicht nur schön, sondern auch nachhaltiger sind. Erste Projekte zeigen das: Das „Nobel Center“ in Stockholm wird mit dem ersten abgeschiedenen „evoZero“-Zement von Heidelberg Materials gebaut Auch Infrastrukturprojekte in Skandinavien setzen darauf. Nachhaltigkeit könnte auf mittlere Sicht in der Branche vom Randthema zum Standard werden.

Mit evoZero ermöglichen wir ambitionierte nachhaltige Bauprojekte mit einem deutlich verringerten niedrigeren CO₂–Ausstoß, der sich messen und belegen lässt. Wir wollen damit die Zukunft im Bauwesen gestalten – und sie grundlegend verändern.
Christoph Beumelburg, Director Group Communications & Investor Relations Heidelberg Materials

Fazit und Ausblick

Zwar ist CCS kein Allheilmittel: Die Technologie ist teuer, ihr Einsatz erfordert politischen Willen und das Vertrauen von Investoren. Aber die Chancen sind enorm: Brevik ist ein Beleg, dass Veränderungen selbst in Industrien möglich sind, die einen sehr hohen CO₂-Ausstoß haben.

Und das nicht nur in Norwegen: Für den Bau einer weiteren Anlage in Wales hat Heidelberg Materials im Herbst 2025 grünes Licht von der der britischen Regierung erhalten. Das Werk wäre in der Zementbranche weltweit die zweite CCS-Anlage im industriellen Maßstab. Es soll ab 2029 jährlich rund 800.000 Tonnen CO₂ abscheiden. Zum Vergleich: Ein Mittelstreckenflug verursacht einen CO₂-Ausstoß von etwa einer Tonne.

Über Transition Stories

In den Transition Stories beleuchten wir, wie Unternehmen aus CO2-intensiven Branchen ihre Geschäftsmodelle ändern, um nachhaltiger zu werden – und welche Rolle wir als Bank dabei spielen können.

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