Europas Weg ins All – der nachhaltige Ansatz von „The Exploration Company“
Europa etabliert seinen eigenen Zugang zur Erdumlaufbahn. Hélène Huby, Gründerin von The Exploration Company, verrät im Interview, wie ihre wiederverwendbare, trägerunabhängige Raumkapsel Europa einen saubereren und günstigeren Weg ins All ermöglichen kann.
Hélène, 2021 haben Sie The Exploration Company (TEC) zusammen mit einem Team von Raumfahrtingenieur*innen gegründet. Welches Problem wollten Sie lösen?
Europa verfügte über keine eigene Möglichkeit, Fracht oder Menschen zu Raumstationen in der Erd- und Mondumlaufbahn zu transportieren – und es war kein glaubwürdiger Plan in Sicht. Mir war klar: Diese Lücke erfordert entschlossenes Handeln. Ich habe The Exploration Company gegründet, um genau diese Fähigkeit aufzubauen und Europa einen Platz am Tisch der Weltraumnationen zu sichern. Airbus habe ich offiziell im April verlassen, die Unternehmensgründung erfolgte im Juli 2021.
Ich habe The Exploration Company gegründet, um Europa einen Platz am Tisch der Weltraumnationen zu sichern.
Langfristig soll Ihre Raumkapsel „Nyx“ Raumstationen wie die ISS mit Fracht versorgen. Worin unterscheidet sich Ihr Ansatz von US-Unternehmen wie SpaceX und Blue Origin?
Nyx ist die erste Raumkapsel, die zu einer Raumstation fliegt und überwiegend privat finanziert ist. Wir haben zunächst privates Kapital aufgenommen und erst später staatliche Institutionen als Ankerkunden gewonnen.
Zudem ist Nyx trägerunabhängig – wir können mit jedem schweren Trägersystem der Welt starten. Das ermöglicht es Kunden, ihre nationalen Ressourcen zu nutzen, wenn es sinnvoll ist. Für NASA-Fracht können wir ein US-Trägersystem nutzen, für japanische Fracht ein japanisches und für indische Fracht ein indisches. Wir verfolgen bewusst einen offenen Ansatz und entwickeln auf Interoperabilität hin statt auf Abhängigkeit.
Was bedeutet „trägerunabhängig“?
„Trägerunabhängig“ bedeutet, dass Nyx mit jeder kompatiblen Schwerlastrakete weltweit gestartet werden kann, was TEC volle Flexibilität ermöglicht und die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter vermeidet.

Auf dem Weg zu „Nyx“ haben Sie bereits zwei Kapseln in bemerkenswerter Geschwindigkeit gebaut. Wie haben Sie das geschafft?
Wir waren schnell, weil wir gezielt Kompromisse eingegangen sind und mit bewährter kommerzieller Hardware gearbeitet haben. Beide Kapseln, sowohl „Bikini“ als auch „Mission Possible“ basierten auf sogenannten up-tested Komponenten anstelle maßgeschneiderter Systeme. So konnten wir Qualifizierungswege verkürzen und Iterationen – unsere Lernkurve – beschleunigen.
Wir haben außerdem ein höheres Programmrisiko in Kauf genommen, um Zeit zu sparen – und waren dabei transparent: Es gab keinen Falltest für den Fallschirm, keine Redundanz bei einigen kritischen Subsystemen, der Antrieb wurde nur auf Schubdüsen-Ebene getestet, und der hausinterne Flugcomputer basiert auf COTS-Komponenten. So konnte ein kleines Kernteam schnell vorankommen und kontinuierlich aus realen Flugdaten lernen.
Wichtig war auch unser Ansatz, jede Mission als Baustein zu begreifen, nicht als Endzustand. Selbst ein Teilerfolg liefert Daten, die Risiken künftiger Flüge verringern.
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Was sind COTS-Komponenten?
COTS sind standardisierte, handelsübliche Komponenten, die bereits für kommerzielle Märkte produziert werden – nicht eigens für eine bestimmte Weltraummission angefertigt.
Warum das wichtig ist:
- Schnellere Entwicklung (keine langen Lieferzeiten für kundenspezifische Hardware)
- Niedrigere Kosten
- Verwendet Technologie, die bereits in anderen Branchen erprobt ist
- Einfacher zu ersetzen oder aufzurüsten
Was bedeutet „up-tested“?
„Up-tested“ bedeutet, dass handelsübliche oder bereits qualifizierte Komponenten zusätzlichen, strengeren oder missionsspezifischen Tests unterzogen werden, die über die üblichen Standardprüfungen hinausgehen. So wird überprüft, ob eine Komponente den erhöhten Belastungen eines anspruchsvolleren Einsatzes – etwa eines Raumflugs – zuverlässig standhält.
Warum das wichtig ist:
- Höhere Sicherheit durch Tests unter realistischeren oder extremeren Bedingungen
- Sicherstellung der Weltraumtauglichkeit bereits vorhandener Technologien
- Reduzierung des Risikos technischer Ausfälle während einer Mission
Welche Arten von Kunden sprechen Sie an, öffentlich oder privat – und welche neuen Geschäftsmodelle können dadurch entstehen?
Wir konzentrieren uns auf staatliche Raumfahrtagenturen, wie die ESA, sowie kommerzielle Unternehmen, darunter Betreiber kommerzieller Raumstationen wie Axiom Space oder Vast. Unser Kerngeschäft ist die Versorgung von Raumstationen, denn der Frachtbedarf ist klar definiert. Außerdem hat in den vergangenen fünf Jahren die Zahl bemannter Missionen um 80 Prozent zugenommen. Die Nachfrage, mehr Astronaut*innen ins All zu bringen und mehr Aktivitäten im Weltraum zu ermöglichen, ist enorm.
Axiom Space ist ein führender Anbieter von Dienstleistungen für die bemannte Raumfahrt und entwickelt die Axiom Station, die weltweit erste kommerzielle Raumstation. 2016 in Houston gegründet, führte Axiom Space 2022 seine erste bemannte Mission zur Internationalen Raumstation (ISS) durch.
Vast Space ist ein privates Raumfahrtunternehmen, das 2021 gegründet wurde und darauf abzielt, die erste private Raumstation mit künstlicher Schwerkraft zu entwickeln. Das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien konzentriert sich darauf, eine kommerzielle Alternative zur Internationalen Raumstation (ISS) zu schaffen und plant, die Raumstation Haven-1 im Mai 2026 zu starten.
Was braucht die Branche in Europa, um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein – Ankerkunden, Meilensteine, Dienstleistungsverträge?
Was wir Europa vorschlagen, ist das kommerzielle Raumfahrtmodell, das in den USA seit 15 bis 20 Jahren erfolgreich ist: Agenturen fungieren als Ankerkunden, schreiben offene Wettbewerbe aus, zahlen Festpreise gegen Meilensteine und kaufen Dienstleistungen, statt Hardware zu besitzen. Dieses Modell zieht privates Kapital an, belohnt Umsetzung und skaliert über die Flugrate – dadurch sinken die Stückkosten im Laufe der Zeit.
Die ESA hat mit ihrer Initiative zur kommerziellen Frachtrückführung einen wichtigen Schritt gemacht. Der nächste wäre, mehrjährige Dienstleistungsverträge mit mehreren Anbietern abzuschließen, die trägerunabhängig arbeiten und europäischen Standards entsprechen. Kombiniert mit grenzüberschreitender industrieller Beteiligung und stabilen Exportregeln könnte ein solcher Rahmen europäischen Raumfahrtunternehmen nachhaltige, profitable Geschäftsmodelle ermöglichen – und gleichzeitig die souveränen Fähigkeiten Europas stärken.
Wir können die Weltraumforschung nicht diskutieren, ohne die damit verbundenen Umweltherausforderungen anzuerkennen. Um Ressourcen zu schonen und Abfälle zu reduzieren, verwenden Sie grünen Treibstoff und wollen dieselben Fahrzeuge bis zu 50 mal nutzen.
Kann dieser Ansatz das größere Problem des Weltraumschrotts lösen?
Wir richten uns strikt nach der Weltraumschrott-Minderungsstrategie der ESA, die klare Vorgaben für einen sicheren Wiedereintritt macht – etwa ein maximales Unfallrisiko von 1 zu 10.000. Unser Ansatz wird derzeit im Rahmen der ISS-Sicherheitsprozesse von NASA und ESA validiert.
Eine einzelne Lösung für das Problem des Orbitalschrotts gibt es nicht. Aber durch Wiederverwendbarkeit, Betankung im Orbit und kontrollierte End-of-Life-Operationen reduzieren wir das Risiko, dass unsere Missionen selbst zu Trümmern beitragen. Unser Ansatz steht im Einklang mit strengeren internationalen Vorgaben.
Was sind End-of-Life-Operationen?
End-of-Life-Operationen sind die Schritte, die unternommen werden, wenn ein Raumfahrzeug seine Mission beendet – wie das sichere De-Orbiting (Wiedereintritt), die Entsorgung von Hardware oder die Bergung und Instandsetzung wiederverwendbarer Fahrzeuge –, um Weltraumschrott zu reduzieren und eine verantwortungsvolle, nachhaltige Raumfahrt zu gewährleisten.
Sie sind das erste europäische Unternehmen, das ein Space Act Agreement mit der NASA unterzeichnet hat. Welche Rolle spielt internationale Zusammenarbeit – gerade im aktuellen geopolitischen Klima?
Unsere Arbeit ist von Natur aus grenzüberschreitend: Wir haben Teams in Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, den USA und den VAE. Diese internationale Präsenz ermöglicht es uns, die besten Talente und Lieferant*innen zu verbinden, unterschiedliche regulatorische Anforderungen zu erfüllen und mit lokalen Partnern zu fliegen.
Zugleich zeigt diese Struktur, wie wir uns die Zukunft der Raumfahrt vorstellen: gemeinsame Standards, offene Schnittstellen und interoperable Dienste statt nationaler Alleingänge. In einer geopolitisch angespannten Welt reduziert dieser Ansatz Abhängigkeiten und hält den Weltraum offen für Zusammenarbeit. Dafür steht The Exploration Company.
Was ist ein Space Act Agreement?
Ein Space Act Agreement ist ein flexibler Kooperationsrahmen der NASA, über den die Behörde mit Unternehmen, Forschungsinstituten oder Regierungen zusammenarbeitet. Es ermöglicht gemeinsame Entwicklung, Tests und Austausch von Know-how – ohne einen klassischen Beschaffungsvertrag.
Wir bringen diese Startfähigkeit in möglichst viele Nationen – und damit auch die Möglichkeit, selbst zu fliegen.
Ihre Mission hat einen demokratischen Ansatz: Mit TEC wollen Sie allen ermöglichen, friedlich an der Zukunft der Menschheit mitzuwirken. Wie sieht Ihre Vision in zehn Jahren aus?
Unsere Mission ist es, Raumfahrzeuge über nationale Grenzen hinweg zu bauen, um Frieden und Kooperation im All zu fördern. Was uns besonders auszeichnet? Etwas sehr Konkretes: Wir halten den Zugang offen und senken Barrieren, sodass mehr Menschen Experimente und Nutzlasten ins All bringen können.
Mein Traum: In zehn Jahren starten wir von Kourou mit unseren Raketen – mit einer bemannten Kapsel an der Spitze. Wir landen in Australien, starten erneut, dann landen wir in Indien und starten wieder. Wir skalieren die Start-Infrastruktur und bauen sie weltweit aus. Damit bringen wir diese Startfähigkeit in möglichst viele Nationen – und damit auch die Möglichkeit, selbst zu fliegen.
The Exploration Company und die Deutsche Bank
Die Deutsche Bank begleitet The Exploration Company seit vielen Jahren als verlässlicher Hausbank-Partner im Banking und Cash Management in Deutschland. In einem kontinuierlichen strategischen Dialog unterstützen wir TEC dabei, ihre Liquiditätsstruktur zu optimieren und passende Investmentstrategien zu entwickeln, um ihr globales Wachstum weiter voranzutreiben
Über Hélène Huby
Hélène ist Gründerin und CEO von The Exploration Company (TEC), dem am schnellsten wachsenden europäischen Space-Tech‑Startup.
Bevor sie TEC gründete, war Hélène in verschiedenen operativen und strategischen Führungspositionen bei Airbus Defence & Space und ArianeGroup tätig – von der Head of Innovation bis hin zur Leitung großer europäischer Raumfahrtprogramme. Sie ist Gründerin und Vorsitzende von Urania Ventures, einem Deep‑Tech‑Investmentunternehmen mit Sitz in Berlin. Außerdem ist sie Gründerin und Vorsitzende von The Karman Project, einer gemeinnützigen Stiftung, die Vertrauen, unabhängigen Dialog und Zusammenarbeit zwischen all denen fördert, die die Zukunft des Weltraums gestalten. Sie hat Abschlüsse der ENS‑Ulm, der Sciences Po in Paris und der ENA.
Hélène ist verheiratet, hat vier Kinder und liebt Cello, Tennis und Skitourengehen.
Über The Exploration Company
In nur vier Jahren wuchs TEC von 4 auf 400 Mitarbeitende, sammelte 225 Millionen Euro von führenden europäischen Venture‑Capital‑Fonds ein, unterzeichnete Verträge im Wert von 850 Millionen Euro und eröffnete Standorte in Frankreich, Deutschland, Italien, den USA und den VAE. TEC ist das einzige europäische Startup, in dessen Vorstand sowohl die französische als auch die deutsche Regierung als Beobachter vertreten sind, und das erste sowie einzige europäische Raumfahrtunternehmen, das ein Space Act Agreement mit der NASA abgeschlossen hat.
TEC entwickelt Raumkapseln, die Fracht und Menschen zu Raumstationen transportieren. Diese Technologien erfüllen zudem Verteidigungsanforderungen, indem sie dazu beitragen, Weltrauminfrastrukturen direkt vor Ort zu schützen. TEC hat den europäischen Wettbewerb für Raumkapseln gewonnen und ein neues Modell einer öffentlich‑privaten Partnerschaft etabliert, um europäische Weltrauminfrastrukturen zu finanzieren.
Die Mission von TEC ist es, Raumfahrzeuge über Ländergrenzen hinweg zu bauen, um Kooperation und Frieden zu fördern.
Die Vision von TEC ist es, die gesamte Wertschöpfungskette des Weltraumtransports zu beherrschen – beginnend mit Kapseln (zwei bereits im All geflogen, das finale Produkt in Entwicklung), über Mondfahrzeuge (der erste Prototyp wurde gemeinsam mit den VAE entwickelt) bis hin zu Raketen (TEC hat mit der Entwicklung des größten europäischen Raketentriebwerks begonnen).
Dieses Interview wurde im März 2026 veröffentlicht.
Markus Dahlem
… betreut in der Konzernkommunikation den globalen Technologiebereich der Deutschen Bank. Er interessiert sich dafür, welche Wege Europa in der Raumfahrt einschlägt – und was dieser gemeinsame Aufbruch über die technologische Stärke und Zukunftsfähigkeit des Kontinents verrät.
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