Neue Horizonte für Thailand – im All
Weltraumtechnologie liefert Antworten auf Herausforderungen wie Klimawandel und Katastrophenmanagement – und wird die Zukunft seines Unternehmens prägen, sagt Nile Suwansiri. Er ist Chef des Satellitenbetreibers und Raumfahrttechnik-Unternehmens Thaicom.
In den frühen 1990er-Jahren, als die zweite Generation (2G) der Mobilfunktechnologie die erste ablöste, stand ein junger Ingenieur namens Patompob Suwansiri, genannt „Nile“, an einem Scheideweg. Mit dem frischen Abschluss einer Ingenieurhochschule in Neuseeland in der Tasche hatte Nile eigentlich nicht vor, nach Thailand zurückzukehren. Doch er tat es, weil dort nun die Aussicht lockte, Satelliten und Raketen zu entwickeln und damit etwas Transformatives für sein Land aufzubauen.
Wir nutzen Technologie, um Werte zum Wohle des Landes zu schaffen.
Drei Jahrzehnte später steht Nile an der Spitze von Thaicom, einem führenden asiatischen Satellitenbetreiber und Innovator im Bereich Weltraumtechnologie. Zum 34-jährigen Bestehen des Unternehmens versammelte er seine 300 Mitarbeitenden und gab die Losung aus: „Wir nutzen Technologie, um Werte zum Wohle des Landes zu schaffen.“ Doch Thailand muss im globalen Wettbewerb darum kämpfen, technisch vorne mitzuspielen. Reichen die guten Absichten des Landes aus, Thaicom auf der Umlaufbahn zu halten?
Satellitenkommunikation: Ein Markt im Sauseschritt
Satelliten im Orbit - eine Simulation.
Satelliten als Lebensretter
Südostasien ist auch deswegen ein Wachstumsmarkt für Satelliten, weil erdgebundene Kommunikationsverbindungen aufgrund der Geografie mit vielen Inseln, Bergen und großen ländlichen Gebieten schwierig sind. Gerade in schwer erreichbaren Gegenden macht Thaicom mit seiner satellitengesteuerten Telefonie einen gewaltigen Unterschied. So schildert das Unternehmen im aktuellen Geschäftsbericht das Beispiel eines Notfalls in einem abgelegenen thailändischen Dorf, wo ein Junge nur deshalb gerettet werden konnte, weil sein Vater den Notdienst schnell herbeirufen konnte.
Ein weiterer sozialer Aspekt von Thaicoms Arbeit ist die Bildung. Durch schnelles Internet über Satelliten können auch Menschen in abgelegenen Gebieten virtuelle Bildungsangebote nutzen. Durch das Thaicom-Projekt „Technology for Lifelong Education“ haben im Jahr 2024 über 6.000 Menschen und 1.620 Haushalte von Satelliteninternet profitiert.
Brot und Butter im Wandel
90 Prozent seiner Umsätze erwirtschaftet Thaicom mit Satelliten-Breitbandinternet und Rundfunk. Nile nennt das „unser Brot- und Butter-Geschäft“. Aber immer mehr Bewegtbilder werden dank Smartphones über das Internet gestreamt statt über Satellitenfernsehen abgerufen. Thaicom muss daher seine Ertragsquellen im Blick behalten. Nile ist überzeugt: „Kabelgebundenes Internet wächst weiterhin, kann aber niemals 100 Prozent erreichen. Und die Nachfrage nach Breitband wird ebenfalls weiterwachsen.“
Patompob "Nile" Suwansiri, CEO von Thaicom
Geodatenanalyse für Landwirtschaft und Klimaschutz
Nile will die Erträge aus der Weltraumtechnologie steigern, insbesondere im Bereich Geodatenanalyse: Erdbeobachtungs-Satelliten gewinnen dabei Daten, die dank künstlicher Intelligenz genau analysiert werden und zu passenden Maßnahmen führen.
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) schätzt, dass die Erdbeobachtungsbranche bis 2030 einen Wert von über 700 Milliarden US-Dollar erreichen wird. Die Region Asien-Pazifik soll davon 40 Prozent ausmachen. Es schätzt außerdem, dass aufgrund der so gewonnen Erkenntnisse effektive Maßnahmen ergriffen werden können, welche die globalen Treibhausgasemissionen jährlich um über zwei Gigatonnen reduzieren. Das entspricht heute etwa 3,6 Prozent der jährlichen globalen Emissionen.
Thaicom hat diese Chancen in den zurückliegenden Jahren gezielt genutzt. Mit seinem Programm „Earth Insights“ setzt das Unternehmen Satellitendaten ein, um die Landwirtschaft und den Klimaschutz zu verbessern.
Thaicom-Satellitendienste unterstützen bei der Katastrophenhilfe in den von Überschwemmungen betroffenen Gebieten der Provinz Songkhla, Südthailand
Schlanke Prozesse nach Umweltkatastrophen
Nile erklärt dies an einem Beispiel: „Bei Überschwemmungen oder Dürren mussten Landwirte ihre Schäden per Foto dokumentieren. Diese reichten sie bei ihrer Versicherung zur Prüfung ein. Es dauerte rund sechs Monate, bevor Schäden beglichen wurden. Das geht durch das Analysieren von Satellitenbildern schneller. Die Versicherung kann sehen, welche Parzellen von Schäden betroffen sind.“ Das führe nicht nur zu einem effizienteren und zuverlässigeren Schadensausgleich, sondern fördere auch die Entwicklung der thailändischen Versicherungsbranche hin zu einem datengestützten Ansatz. In Thailand wächst auf zehn Millionen Hektar Reis und Thaicoms Satelliten haben bereits zwei Millionen Hektar im Blick.
Die Bodenanlagen von Thaicom an der Satellitenstation im Bezirk Lat Lum Kaeo, Pathum Thani, Thailand.
Ein weiteres Beispiel ist CarbonWatch, eine wissenschaftliche Alternative für CO2-Kompensation. Bislang mussten die Landwirte in den Wald gehen und ihre Bäume zählen und vermessen, um zu berechnen, wieviel Kohlenstoff eine bestimmte Waldfläche absorbiert. Dank Satellitendaten kann man das für Millionen von Hektar berechnen – mit einer Genauigkeit von mehr als 90 Prozent.
Öffentliche Anerkennung
Thaicoms Arbeit in diesem Bereich wird anerkannt. Seine Methode ist die erste in Thailand, die von der thailändischen Organisation für Treibhausgasmanagement im Rahmen ihres Programms zur freiwilligen Emissionsminderung zertifiziert wurde.
Außerdem hat die thailändische Börse SET Thaicom zwei Jahre in Folge (2024 und 2025) die Auszeichnung „Highly Commended Sustainability Awards“ in der Kategorie Nachhaltigkeitsexzellenz verliehen und ein „AAA-Rating“ für das zweite Jahr in Folge in den SET ESG Ratings für 2024, mit den höchsten Punktzahlen im Sektor Informations- und Kommunikationstechnologie.
Neue Umsatzquelle, neue Herausforderungen
Nile ist überzeugt, dass Thaicom mit „Earth Insights“ und den vielen Geschäftsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, bis zu 30 Prozent Umsatzanteil in den kommenden Jahren erreichen kann. Das würde seine Abhängigkeit vom kapitalintensiven Betrieb von Satelliten verringern.
Ein Thaicom-Satellit kreist um die Erde - Visualisierung
Aber der Weg dahin dürfte nicht einfach sein. Denn der Hauptabnehmer von Satellitensensordaten sind Regierungen – und deren Entscheidungsprozesse können lang sein. „Um mit ihnen Verträge zu schließen, müssen wir erst mit kleinen Proof-of-Concept-Projekten belegen, was wir leisten können, dadurch Vertrauen aufbauen und dann skalieren“, erklärt Nile. Weil diese Daten, die zentral für die Entscheidungsfindung der Politik sind, sich aufgrund der Wetterdynamik ständig ändern, denkt er langfristig: „Ich bin sicher, unsere Kunden werden von unseren Diensten überzeugt sein und sie abonnieren. Das wird Thaicom eine zuverlässige Einnahmequelle verschaffen.“
Partnerschaften für die Zukunft: Eutelsat, SpaceX und Co.
Neben staatlichen Institutionen als Kunden baut Thaicom auch auf Partnerschaften mit privaten Unternehmen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Eutelsat Communications für den Satelliten „Thaicom 10“, der 2027 in den Weltraum aufbrechen soll. Die Deutsche Bank finanziert dieses Vorhaben mit, durch eine Exportkreditfazilität von 184 Millionen US-Dollar für die Thaicom-Tochter STI.
Thaicom arbeitet außerdem mit anderen großen Namen der Branche zusammen, wie SpaceX aus den USA und Hughes Communications India (HCI) aus Indien.
Thaicoms Satellitenstation in der Provinz Pathum Thani, Thailand
Eine galaktische Vision für Thailands Wirtschaft
Trotz dieser bedeutenden Partnerschaften ist für Nile klar: Beim Fördern der thailändischen Weltraumwirtschaft spielt die öffentliche Hand die entscheidende Rolle. Er plädiert für mehr Forschung, Entwicklung und Innovation im Land – und Bedingungen, die dazu beitragen. Beispielsweise Investitionen in die Bildung, sowohl in Schulen als auch Hochschulen, um genügend Arbeitskräfte auf dem Gebiet zu gewinnen. Er warnt davor, Technologie im Übermaß aus dem Ausland zu holen: „Sonst importieren wir einfach alles nur noch, und sind am Ende des Tages nur ein Makler.“
Wenn Thailand es ernst meint, dann können wir ein wichtiger Akteur auf der Weltbühne sein. Mit der richtigen Mischung aus politischer Unterstützung, strategischen Investitionen und dem Aufbau lokaler Expertise können wir in eine neue Ära der Innovation und des nachhaltigen Wachstums gelangen.
Patompob "Nile" Suwansiri
Auf Augenhöhe
Die USA und China werden den Satellitenmarkt weiterhin dominieren. Doch Nile glaubt, dass Thailand und damit Thaicom das transformative Potenzial der Weltraumtechnologie für sich nutzen können. Er sieht sein Unternehmen auf Augenhöhe mit globalen Wettbewerbern. „Wenn Thailand es ernst meint, dann können wir ein wichtiger Akteur auf der Weltbühne sein. Mit der richtigen Mischung aus politischer Unterstützung, strategischen Investitionen und dem Aufbau lokaler Expertise können wir in eine neue Ära der Innovation und des nachhaltigen Wachstums gelangen.“
Thaicom und die Deutsche Bank
Die Deutsche Bank ist eng mit der Entwicklung von Thaicom verbunden. Mitte 2025 gewährte die Bank eine Exportkreditfazilität in Höhe von 184 Millionen US-Dollar an Space Tech Innovation (STI), eine Tochtergesellschaft von Thaicom.
Die Fazilität wird von der französischen Exportkreditagentur (ECA), Bpifrance Assurance Export, garantiert. Im Rahmen der Vereinbarung werden die Deutsche Bank und Standard Chartered STI ein Darlehen über 184 Millionen US-Dollar mit einer Laufzeit von 14 Jahren für die Entwicklung des THAICOM 10 Satellitenprojekts zur Verfügung stellen. Das Darlehen wird den kommerziellen Vertrag von STI mit der französischen Airbus Defence & Space zur Herstellung des neuen Software Defined High Throughput Satellite (SD-HTS) finanzieren.
Über Thaicom
Thaicom Public Company Limited ist ein führender asiatischer Satellitenbetreiber und ein regionales Raumfahrttechnologieunternehmen.
1991 gegründet, nutzt Thaicom seine Expertise in der Satellitenindustrie, um umfassende End-to-End-Satellitenkommunikationsdienste anzubieten. Mit einer nachweislichen Erfolgsbilanz als Pioniere im Bereich Breitband- und Rundfunkdienstleistungen in Asien entwickelte und startete Thaicom IPSTAR (Thaicom 4), den weltweit ersten Hochdurchsatzsatelliten (HTS), und bot Asiens ersten Direct-to-Home (DTH)-Rundfunk für den Frequenzbereich Ku-Band an, der bei kleineren Antennen sehr effizient ist.
Als führendes Raumfahrttechnologieunternehmen in der Region nutzt Thaicom Daten aus dem Weltraum und setzt GEO- und Nicht-GEO-Technologie ein, um neue Dienstleistungen zu erschließen. Das Unternehmen möchte durch innovative Raumfahrttechnologie das Leben von Menschen verbessern.
Diese Seite wurde im Februar 2026 veröffentlicht.
Ashish Saldanha
… ist begeistert davon zu erkunden, welche Antworten der Weltraum auf einige der drängendsten Anliegen der Menschheit liefern kann. In seinem Hauptberuf arbeitet er als Kommunikationsexperte für den Bereich Technologie, Daten und Innovation der Deutschen Bank.
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