Blog 17. August 2026

Der Leadership-Test im KI-Zeitalter

Dieser Gastbeitrag stammt von Dr. Toby Velte, Affiliate Faculty Member an der London Business School (LBS). Er leitete „Transformational Leadership in the Age of AI“, ein Executive-Education-Programm, das die London Business School gemeinsam mit Google und der Deutschen Bank entwickelt hat. Die 200 obersten Führungskräfte der Bank – darunter der Vorstand und der Global Leadership Circle – haben das Programm absolviert. Ziel war es, KI-Kompetenz, Sicherheit im Umgang mit KI und ein gemeinsames Verständnis dafür zu schaffen, dass KI allein keinen Wert erzeugt: Entscheidend ist Führung. Denn ob aus Experimenten Wirkung im gesamten Unternehmen entsteht, hängt davon ab, ob Führungskräfte die Einführung skalieren, Veränderung steuern und KI verantwortungsvoll in der Organisation verankern. Wie das gelingen kann, erläutert Dr. Velte in diesem Beitrag.

Die besten Führungskräfte, die heute mit KI arbeiten, haben eines verstanden: Die Frage ist nicht mehr, ob KI relevant ist, sondern wie sie in konkreten Mehrwert übersetzt wird. Auf Unternehmensebene entsteht dieser Wert nur, wenn KI sicher und verantwortungsvoll eingesetzt wird. Erfolgreich werden deshalb nicht unbedingt die Organisationen mit den fortschrittlichsten Modellen sein, sondern jene, deren Führungskräfte die strukturellen, kulturellen und regulatorischen Veränderungen steuern können, die für eine sichere Skalierung notwendig sind.

KI ist eine andere Art von Veränderung

Die meisten Technologieprogramme machen bestehende Abläufe effizienter. KI verändert die Abläufe selbst: wie Wert entsteht, wie Entscheidungen getroffen werden und wer Verantwortung trägt, wenn sie sich als falsch erweisen. Genau das erklärt, warum viele KI-Programme nach einem vielversprechenden Pilotprojekt nicht weiterkommen.

Führungskräfte müssen die Organisation gezielt weiterentwickeln. Gewachsene Silos passen nicht zu Arbeitsabläufen, die von Natur aus bereichsübergreifend sind. Eine Kultur, die vor allem Regelbefolgung belohnt und Fehler konsequent sanktioniert, lässt kaum Raum für Experimentierfreude. Gleichzeitig werden Anreizsysteme, die ausschließlich Experimente fördern, den Anforderungen von Aufsichtsbehörden nicht standhalten. Entscheidend ist die richtige Balance – und sie lässt sich nur durch Führung herstellen: durch Organisationsstrukturen, deren Anreize auf das gewünschte Ergebnis einzahlen, und durch kulturelle Werte, die Innovation und Verantwortung gleichermaßen unterstützen.

Kultur lässt sich nicht dem Zufall überlassen. Führungskräfte müssen ein Umfeld schaffen, in dem Risiken verstanden und eingeordnet werden, statt lediglich gefürchtet zu sein – damit sie gegen den möglichen Nutzen einer Initiative abgewogen werden können. Ohne diese Klarheit bleibt KI-Arbeit im Pilotmodus stecken: nicht aufgrund technischer Fehler, sondern weil Risiken und Nutzen nicht klar genug abgebildet sind. Skalierung verlangt nicht, dass Führungskräfte mehr Risiko akzeptieren. Sie verlangt, dass sie Risiken präziser verstehen.

Die Arbeit selbst verändert sich

Wellen kognitiver Automatisierung erreichen bereits die Unternehmen. Routineanalysen, Datenabgleiche, die Aufbereitung von Informationen und andere weniger komplexe Aufgaben werden zunehmend von KI-Assistenten übernommen. Was bleibt – und was Führungskräfte aktiv gestalten müssen –, sind menschliches Urteilsvermögen, situative Einordnung und Kundenbeziehungen.

Das ist keine Frage fehlender Kompetenzen. Es ist ein Wandel im Management – und dieser Wandel muss von oben ausgehen. Führungskräfte müssen Aufgaben neu verteilen, neu definieren, was gute Leistung ausmacht, und vorleben, wie Teams mit den KI-Systemen zusammenarbeiten, die sie künftig begleiten und steuern.

Einige Aufgaben werden vollständig automatisiert. Die meisten werden erweitert. Der Mensch erledigt die Arbeit weiterhin selbst – allerdings unterstützt durch die Erkenntnisse eines Assistenten, der alle relevanten Dokumente gelesen und sämtliche Transaktionen verglichen hat.

Automatisierung bringt Geschwindigkeit, Genauigkeit und operative Effizienz. Erweiterung schafft Produktivität, proprietäre Lösungen und neue Formen der Wertschöpfung – bis hin zu Angeboten, die eine Organisation zuvor gar nicht hätte entwickeln können. Führungskräfte, die KI nur als Ersatzinstrument verstehen, nutzen zwar die erste Chance, verpassen aber die zweite, größere. Die Führungskraft der Zukunft verteilt nicht einfach Aufgaben; sie gestaltet Arbeitsmodelle, in denen Mensch und Maschine zusammenwirken.

Risikokalibrierung ist eine zentrale Aufgabe der Unternehmensführung

KI bringt Risiken mit sich, die die Branche noch nicht vollständig versteht – einschließlich des Risikos, bei KI stehen zu bleiben, während Wettbewerber voranschreiten. Vielleicht besteht die derzeit wichtigste Führungsaufgabe darin, die Risikotoleranz auf Unternehmensebene richtig zu kalibrieren.

Sichere Skalierung heißt nicht, immer auf Nummer sicher zu gehen. Sie bedeutet, durch die Unternehmensführung klare Grenzen zu setzen, innerhalb derer Geschwindigkeit und Kontrolle zusammenspielen. Klassische Stage-Gate-Governance, bei der jedes Projekt in denselben Abständen durch dasselbe Gremium läuft, wird KI-Innovation ausbremsen. Sie legt strenge Prüfungen auf einfache Anwendungsfälle – und nicht mehr als das auf wirklich folgenreiche.

Die Alternative ist ein dynamisches Kontrollmodell: kontinuierliches Monitoring, automatisierte Compliance-Prüfungen, Audit-Trails in Echtzeit und Verantwortung dort, wo die Arbeit entsteht – bei den Teams, die dem Ergebnis am nächsten sind. Es geht nicht darum, Leitplanken abzubauen. Es geht darum, ein Governance-System zu schaffen, das nicht jedes KI-Projekt gleich behandeln muss: risikoarme Anwendungen können schnell vorankommen, während sich die Aufmerksamkeit erfahrener Führungskräfte auf die schwierigsten Fälle konzentriert. Die meisten Unternehmen verfügen bereits über Modellrisikomanagement und mehrere Verteidigungslinien. Was häufig fehlt, ist eine Triage-Logik, die schnell und konsistent entscheidet, welches Projekt welchen Weg nimmt.

Richtig umgesetzt wird Kontrolle nicht zur Bremse, sondern zum Beschleuniger. Governance im KI-Maßstab muss parallel zur Einführung entstehen – getragen von Führungskräften, die verstehen, dass Risiko und Geschwindigkeit keine Gegensätze sind, sondern voneinander abhängen.

Das Rennen wird durch Führung entschieden

Der KI-Vorteil wird nicht dem Unternehmen zufallen, das am meisten Technologie einkauft. Er wird dem Unternehmen zufallen, das Kultur verändern, Organisationsstrukturen neu ausrichten und Governance so gestalten kann, dass sie Geschwindigkeit und Widerstandsfähigkeit gleichermaßen ermöglicht. Das sind Führungsaufgaben. Die Frage ist nicht, ob sich Ihre Organisation diese Transformation leisten kann. Die Frage ist, ob sie es sich leisten kann zu warten.

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