Handbremse lösen, Zukunft bauen – Europas Chance im Innovationsrennen
München liegt inzwischen bei den Neugründungen pro Kopf vor Berlin. Dort sitzt mit UnternehmerTUM eines der führenden Start-up-Zentren Europas. Das macht die Stadt interessant, nicht nur als deutschen Erfolgsfall, sondern als Beispiel für die größere europäische Frage: Was braucht es, damit aus Gründungen Größe wird?
Helmut, Du beschäftigst dich seit fast 25 Jahren mit unternehmerischem Denken und Innovationsmanagement. Was würdest du heute anders machen, wenn du noch einmal von null starten könntest?
Wir hätten die ersten zehn Jahre nach heutigen Maßstäben doppelt so schnell sein können. Damals war alles noch stärker aus dem universitären System heraus gedacht. Heute wissen wir: Entscheidend sind Mut, Ambition und Skalierung. Wie viele Studierende und Gründer erreichen wir? Wie viele Teams befähigen wir? Wie viele Startups bringen wir in Programme und an den Markt? Diese Wachstumskurve hätte früher steiler sein können.
Wie läuft das konkret?
Ein Gründerzentrum ist auch ein Betrieb. Es geht darum, möglichst viele Menschen zu schulen, zu befähigen. Gründende Teams zusammenzubringen mit Kunden und Investoren, ihnen globale Märkte zu öffnen. Heute entstehen bei uns rund drei Firmen pro Woche. Unsere Startups ziehen wöchentlich etwa 40 Millionen Euro Venture Capital an. Diese Geschwindigkeit wäre früher unvorstellbar gewesen.
Was fehlt deutschen Gründungsteams im Vergleich zu den USA besonders häufig?
Globales Denken. In Stanford haben viele Gründer Google oder Nvidia als Vorbild. Sie starten mit dem Plan, Weltmarktführer zu werden. Die Messlatte der Ambition müssen wir in Europa höher legen. Unsere Teams scheitern selten. Wir haben eine Erfolgsrate von 85 Prozent. Aber die Frage ist, wie stark und wie schnell wachsen sie und entwickeln sie sich international erfolgreich.
Warum ist Stanford so stark und was kann Europa daraus lernen?
Stanford behandelt Innovation und Startups als Top-Priorität neben Forschung und Lehre. Das ist tief in der Kultur verankert. Gleichzeitig verfügt Stanford über enorme Ressourcen. Europa muss mit weniger Mitteln klüger und effizienter umgehen. Genau das versuchen wir in München: eine strukturierte Startup-Factory unter einem Dach, die trotzdem auf Weltniveau spielt.
Europa muss mit weniger Mitteln klüger und effizienter umgehen.
Gibt es etwas, das München heute besser kann als das Silicon Valley?
München hat einen besonderen Mix aus exzellenter Forschung und starken Industrieunternehmen – Siemens, BMW, Airbus und viele andere. Gerade Deep-Tech-Unternehmen brauchen komplexe Wertschöpfungsketten, Hardware-Kompetenz und Kunden, die technologisch anspruchsvolle Produkte verstehen. Diese Breite und Tiefe ist ein enormer Standortvorteil.
Oft heißt es: Europa ist zu langsam, zu bürokratisch und hat zu wenig Kapital. Gleichzeitig entstehen wieder mehr Startups. Welche Geschichte stimmt?
Beides stimmt. Im ersten Halbjahr 2026 gab es in Deutschland 50 Prozent Wachstum bei der Zahl der Startups. Zugleich ziehen an vielen Stellen noch die Handbremse. Es gibt zu wenig Wachstumskapital, zu viele Auflagen, einen bürokratischen Arbeitsmarkt. Wenn wir diese Bremsen lösen, könnten viel mehr Gründungen entstehen.
Warum gelingt es in Europa so selten, aus starken Technologien globale Marktführer zu machen?
Weil die Voraussetzungen nicht optimal sind. Führungsteams denken oft nicht ambitioniert genug. Und die Kapitalmärkte in den USA ermöglichen viel größere Finanzierungsrunden, Expansion und Übernahmen. Wir Europäer müssen wieder an unsere unternehmerischen Kinder glauben und in sie investieren, sonst tun es Amerikaner oder Asiaten, und wir wundern uns später, dass uns die Unternehmen nicht mehr gehören. Das Potenzial ist da. Hightech aus Deutschland und Europa hat auch zukünftig die Chance globale Märkte zu erobern.
Das Potenzial ist da. Hightech aus Deutschland und Europa hat auch zukünftig die Chance globale Märkte zu erobern.
Wer muss handeln – Politik, Investoren, Industrie oder Gründer?
Wir alle. Sparer müssen sich fragen, wo sie ihr Kapital anlegen. Junge Menschen müssen entscheiden, ob sie Verantwortung übernehmen und Großes schaffen wollen. Die Politik muss wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen schaffen. Nicht eine Person wird es richten, sondern wir als Gesellschaft. Oder wir ertragen gemeinsam die Folgen, also weniger Wertschöpfung, weniger Wohlstand, bescheidenere Lebensumstände.
Was ist das Geheimnis des Münchner Gründungsökosystems?
Es ist das gemeinsame Mindset. Führungskräfte, Gründer, Eigner, Experten und Investoren sprechen miteinander, bündeln Kräfte und bringen ihre Möglichkeiten ein. Dazu kommen Erfolgsgeschichten: Celonis, Flixbus, Isar Aerospace, Proxima Fusion, Quantum Systems. Erfolgreiche Gründer und Gründerinnen investieren Kapital, Wissen und Netzwerke wieder in die nächste Generation. Dieses Recycling macht unserer Ökosystem schnell.
Was bedeutet Europa für dich? Und warum ist es wichtig, hier innovative und tragfähige Unternehmen aufzubauen?
Europa ist unsere Heimat. Hier leben unsere Familien, hier arbeiten tolle Menschen, hier wollen wir ein gutes Leben und Wohlstand haben. Also müssen wir hart dafür arbeiten. Gleichzeitig ist Europa längst stark zusammengewachsen. Unsere Teams kommen aus vielen Ländern. Aerospace-Firmen testen in Schweden und launchen in Norwegen. Die Gründer stammen aus Österreich, Ungarn oder anderswo. Diese europäische Zusammenarbeit ist ein echter Vorteil.
Wenn Europa nur drei Jahre hätte, um seine Innovationsfähigkeit entscheidend zu verbessern, welche drei Maßnahmen müssten sofort kommen?
Erstens müssen wir unsere Kapitalmärkte so umbauen, dass sie Innovation optimal fördern. Zweitens brauchen wir einen Arbeitsmarkt, der Leistung ermöglicht und positiv incentiviert. Wer richtig reinhauen will, sollte nicht ausgebremst werden. Drittens brauchen Deutschland und Europa eine klare Technologiestrategie, eine Hightech-Agenda, die europäisch gedacht und konsequent umgesetzt wird.
Drittens brauchen Deutschland und Europa eine klare Technologiestrategie, eine Hightech-Agenda, die europäisch gedacht und konsequent umgesetzt wird.
Was muss sich am Arbeitsmarkt konkret ändern?
Wir sollten mehr Flexibilität zulassen. Ich sage nicht, dass alle 80 Stunden arbeiten sollen. Aber warum verbieten wir denen, die wirklich viel leisten wollen, genau das? Dazu braucht es steuerliche Anreize, damit sich Wertschöpfung lohnt. Und wenn Top-Leute aus der ganzen Welt hier Innovation vorantreiben wollen, sollten wir sagen: Super, dass ihr da seid – hier ist die Arbeitsgenehmigung, fangt bitte an.
Welchen Satz über europäische Innovation kannst du nicht mehr hören?
Weniger einen Satz als den moralischen Zeigefinger, der in Europa gern gegenüber China oder den USA erhoben wird. Wir sollten uns stärker auf unsere eigene Wertschöpfung konzentrieren, weniger urteilen und mehr lernen. Von China und den USA können wir enorm viel aufnehmen, wenn wir zuhören.
Und was würdest du gern öfter über europäische Innovation hören?
Dass sie ein Welterfolg ist. Dass wir Firmen wie Biontech bauen, die große Probleme lösen und die Welt verändern. Europa hat die Talente und Menschen, mit denen man wahnsinnig viel bewegen kann – wenn man sie lässt.
Über Helmut Schönenberger
Helmut Schönenberger ist Mitgründer und CEO von UnternehmerTUM, Europas größtem Zentrum für Innovation und Gründung, sowie Vizepräsident für Entrepreneurship an der Technischen Universität München (TUM). Als Honorarprofessor für Entrepreneurship Practice verbindet er Wissenschaft, Unternehmertum und Venture Capital. Schönenberger studierte Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart und promovierte an der TUM. Zudem ist er Teil des Vorstandsteams des Deutschen Startupverbands.
Seit der Gründung von UnternehmerTUM im Jahr 2002 hat er das Münchner Innovationsökosystem maßgeblich geprägt. Unter seiner Führung unterstützt UnternehmerTUM jährlich Tausende Talente, Gründerinnen und Gründer sowie Technologie-Start-ups und zählt zu den führenden Gründungszentren Europas. Schönenberger gilt als einer der wichtigsten Fürsprecher für mehr Unternehmertum, Technologietransfer und Wachstumsfinanzierung in Deutschland und Europa.
Volker Klak
… ist verwundert, dass immer noch regionale Mythen und überregionale Wettbewerbe beschworen werden, statt Erzählungen von Weltbürgern zu stärken, die gemeinsam an einer vertrauensvollen Zukunft bauen. Übergangsweise freut er sich über Geschichten respektvoller Vergemeinschaftung, wie z.B. Europa.
Empfohlene Inhalte
Europäische Erfolgsgeschichten | Standpunkt
„Die Modernisierungswelle ist gut angelaufen“ „Die Modernisierungswelle ist gut angelaufen“
Europa muss gewaltig investieren. Hauke Burkhardt erklärt, wie öffentliche Hand und privates Kapital die Modernisierung gemeinsam vorantreiben können.
„Die Modernisierungswelle ist gut angelaufen“ Investiere fünf MinutenEuropäische Erfolgsgeschichten | Interview
„Wir installieren die größten Windturbinen, die es gibt“ „Wir installieren die größten Windturbinen, die es gibt“
Das luxemburgische Unternehmen Jan De Nul treibt den Ausbau der Offshore-Windenergie voran. Manager Carl Heiremans spricht über mutige Investitionen und Europas Stärken.
„Wir installieren die größten Windturbinen, die es gibt“ Wind des Wandels mit Jan de NulEuropäische Erfolgsgeschichten | Standpunkt
„Europas Zahlungsnetz ist Weltklasse“ „Europas Zahlungsnetz ist Weltklasse“
Deutsche-Bank-Experte Christof Hofmann erklärt, warum Europa im Zahlungsverkehr stärker ist, als viele glauben, und wo es an der Ladenkasse noch souveräner werden muss.
„Europas Zahlungsnetz ist Weltklasse“ Europas Stärken entdecken