Was die Pandemie mit den UN-Nachhaltigkeitszielen zu tun hat

Richard Florizone leitet das International Institute for Sustainable Development in Kanada. Die Rufe nach einer grünen Transformation würden weltweit immer lauter, so seine Beobachtung. Jetzt seien nachhaltige wirtschaftliche Anreize gefordert.

Herr Dr. Florizone, wie wirkt sich die Pandemie auf die nachhaltige Entwicklung weltweit aus?

Die Corona-Pandemie wirkt sich in vielerlei Hinsicht aus. Meine Sicht darauf ist natürlich von unserer Arbeit hier am International Institute for Sustainable Development (IISD) geprägt und die konzentriert sich auf drei Ziele: für ein stabiles Klima zu sorgen, die weltweiten Ressourcen nachhaltig zu entwickeln und die Volkswirtschaften gerechter zu machen. Vor diesem Hintergrund möchte ich gerne einige Beobachtungen mit Ihnen teilen:

Erstens: Wir brauchen Widerstandsfähigkeit. Die Welt war nicht wirklich auf diese Pandemie vorbereitet. Wir haben zwar gesehen, wie schnell Regierungen, der Privatsektor und die Bürger vor Ort bei Bedarf mobilisiert werden können – aber nur ad hoc auf die Schnelle zu reagieren ist weder effektiv noch nachhaltig. Was können wir daraus lernen? Wir müssen ein System schaffen, das es uns ermöglicht, Risiken zu antizipieren, mit den Auswirkungen einer Krise umzugehen und uns an neue oder andere Lebensweisen anzupassen. Das gilt übrigens nicht nur für die nächste Pandemie, sondern auch für die Bedrohung durch den Klimawandel.

Zweitens: Wir brauchen wirtschaftliche Anreize, die nachhaltig sind. In beispiellosen Situationen neigen Regierungen dazu, bedingungslose Rettungspakete zu schnüren und alle möglichen Projekte zu finanzieren – Hauptsache, sie können schnellstmöglich umgesetzt werden. Ob diese dann besonders zielführend sind, ist eine ganz andere Frage. Ermutigend finde ich, dass weltweit immer mehr Forderungen nach einer grünen Transformation laut werden. Ein Teil meiner jüngsten Arbeit als Vorsitzender der Task Force für einen nachhaltigen Aufschwung war sicherzustellen, dass wir Wirtschaftsführern und Politikern in Kanada fundierte Empfehlungen geben, wie unsere Wirtschaft in einer kohlenstoffarmen Zukunft wachsen kann und dabei auch Arbeitsplätze entstehen können. Phasen mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Zinsen sind der richtige Zeitpunkt für neue Investitionen und den Infrastrukturausbau – diese müssen aber auch den Übergang zu einer sauberen Energie unterstützen.

Phasen mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Zinsen sind der richtige Zeitpunkt für neue Investitionen und den Infrastrukturausbau – diese müssen aber auch den Übergang zu einer sauberen Energie unterstützen.

Drittens haben wir gesehen, wie die Corona-Pandemie weltweit soziale Ungleichheiten verschärft hat. In den entwickelten Ländern sind jene Menschen dem Virus am stärksten ausgesetzt, die an vorderster Front eine Dienstleistung erbringen und in der Regel auch kaum in der Lage sind, die finanziellen Auswirkungen abzufedern. Am härtesten betroffen sind jedoch die Armen in den Entwicklungsländern, in denen Arbeitnehmer auch nicht von sozialen Sicherheitsnetzen oder Konjunkturpaketen aufgefangen werden. Diese Länder brauchen unsere sofortige Unterstützung. Und das Gute ist: Wir haben einen Plan! Eine Studie, die wir erst diesen Monat veröffentlicht haben, zeigt, wie wir die globale Hungerkrise lösen, das Einkommen bedürftiger Bauern verdoppeln und unsere Klimaziele 2030 im Pariser Abkommen erreichen können – und das für gerade einmal zusätzliche 14 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Eine Studie zeigt, wie wir die globale Hungerkrise lösen, das Einkommen bedürftiger Bauern verdoppeln und unsere Klimaziele 2030 im Pariser Abkommen erreichen können – und das für gerade einmal zusätzliche 14 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Wie kann Nachhaltigkeit dabei helfen, die Pandemie zu bewältigen? Und umgekehrt, wie kann die Pandemie die nachhaltige Entwicklung beschleunigen?

Wir müssen uns daran erinnern, dass Corona in erster Linie eine Gesundheitskrise ist und wir sie auch als solche angehen sollten. Aber unsere Reaktionen auf Covid-19 – und auch die Vorkehrungen, die nächste Pandemie zu verhindern – müssen das Gesamtbild berücksichtigen. Wie wir gesehen haben, wirkt sich die Pandemie auf viele Nachhaltigkeitsaspekte aus, von der Einkommensungleichheit bis hin zur Ressourcenknappheit. Bei der Suche nach den wirksamsten Mitteln sollten wir einen Tunnelblick vermeiden. Es muss uns klar sein: Die Instrumente und Initiativen, mit denen wir die UN-Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen, können wir auch dafür einsetzen, die Pandemie zu bekämpfen.

Ihre zweite Frage ist schwierig zu beantworten, denn wir stecken ja immer noch mitten in der Pandemie. Ein Lichtblick ist, dass Corona viele wichtige Themen auf die Agenda gebracht hat und derzeit die ganze Welt mobilisiert. Diese Dynamik, diese Veränderungsbereitschaft, die lässt mich positiv nach vorne schauen!

Ein Lichtblick ist, dass Corona viele wichtige Themen auf die Agenda gebracht hat und derzeit die ganze Welt mobilisiert.

Können wir aus unserem Umgang mit der Pandemie etwas lernen, um einige der Auswirkungen des Klimawandels besser bewältigen zu können?

Auf jeden Fall. Ich glaube, alle haben verstanden, dass wir besser auf Risiken vorbereitet sein müssen – nicht nur auf Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit, sondern auch auf die Auswirkungen des Klimawandels. Durch unsere langjährige Arbeit mit dem NAP Global
Network haben wir gelernt, wie wichtig und wertvoll Planungen auf nationaler Ebene sind, um die jeweiligen Risiken einschätzen und entsprechende Reaktionsstrategien entwickeln zu können. 

Der Klimawandel und unser aller Leben hängen eng miteinander zusammen. Wenn wir uns auf den Klimawandel vorbereiten, gehen wir häufig automatisch auch andere drängende Probleme an, wie zum Beispiel die Wohnungsnot oder eine unsichere Ernährungssituation. Diese vorbereitenden Pläne sind ebenfalls landesspezifisch, wissenschaftlich fundiert und berücksichtigen die Bedürfnisse derjenigen, die am stärksten gefährdet sind.

Vor der Pandemie wussten wir, dass alle SDGs miteinander verbunden sind, aber niemandem war klar, wie sehr alles zusammenbrechen kann, wenn die Gesundheit und das Leben aller bedroht sind.

Verändert die Pandemie den Zeitplan, in dem die UN-Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können? Sollte man einige Ziele oder Teilziele nun sogar vorziehen – und wenn ja, welche?

Die Welt wird dem dritten UN-Nachhaltigkeitsziel, Gesundheit und Wohlergehen, auf absehbare Zeit Priorität einräumen und das vollkommen zurecht. Vor der Pandemie wussten wir, dass alle Nachhaltigkeitsziele zusammenhängen – aber es war niemandem klar, wie doch alles zusammenbrechen kann, wenn plötzlich die Gesundheit und das Leben vieler Menschen bedroht sind.

Es liegt auf der Hand, dass auch das achte UN-Nachhaltigkeitsziel, menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum, im Mittelpunkt stehen wird. Denn die Regierungen legen zunächst beispiellose Konjunkturpakete auf, die sie dann auslaufen lassen, wenn die Wirtschaften wieder anspringen. Je nachdem, wie die Stimulus-Maßnahmen verteilt werden, könnten einige Nachhaltigkeitsziele tatsächlich schneller erreicht werden. Im IISD sind wir zusammen mit vielen anderen der Meinung, dass diese Fördermaßnahmen den Übergang zu sauberer Energie vorantreiben sollten. Wir könnten schnelle Fortschritte bei den Zielen in den Bereichen Energie, Klimawandel und Infrastruktur sehen, während andere zunehmend gefährdeter werden.

Aber auch diese gefährdeten Ziele müssen wir im Fokus behalten. Die Menschen, die sowieso schon am meisten abgehängt sind, leiden besonders unter der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen. Unsere zuvor gescheiterten Bemühungen zum Abbau von Ungleichheiten, dem zehnten UN-Nachhaltigkeitsziel, sind jetzt noch weiter vom Kurs abgekommen. Diese müssen in den Mittelpunkt jeder Politik zur Pandemiebekämpfung rücken!

Ihre Organisation ist davon überzeugt, dass Nachhaltigkeitsanleihen eine wichtige Rolle bei der Kapitalallokation für coronabedingte Hilfsmaßnahmen spielen können. Wie funktionieren solche Nachhaltigkeitsanleihen?

Das Interessante an Nachhaltigkeitsanleihen ist, dass sie von jedem Unternehmen oder jeder öffentlichen Einrichtung ausgegeben werden können – im Gegensatz zu Anleihen, bei denen der Erlös für förderungswürdige grüne oder nachhaltige Projekte verwendet werden muss, wie zum Beispiel bei grünen Anleihen. Es sind sehr flexible nachhaltige Schuldtitel, die auch dazu dienen können, pandemiebezogene Ziele zu finanzieren. Wie solche Ziele genau aussehen können, hängt dann vom jeweiligen Emittenten ab. Beispielsweise könnten Unternehmen in der Gesundheitsbranche Kennzahlen – Key Performance Indicators, kurz KPI – festlegen, die an die Menge der produzierten Präventivgeräte oder Beatmungsgeräte gekoppelt sind. Kennzahlen für die Erholung eines Finanzinstituts könnten beispielsweise die Zahl der vergebenen Kredite an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus stark betroffenen Branchen sein, zum Beispiel dem Tourismus.

Die Herausforderung bei Nachhaltigkeitsanleihen ist übrigens nicht unbedingt, wie die Kennzahlen gemessen werden. Entscheidend ist, dass das ausgegebene Nachhaltigkeitsziel tatsächlich auch sinnvoll und ehrgeizig genug ist.

Über Richard Florizone

Dr. Richard Florizone, Wissenschaftler und Stratege, hat schon vieles erreicht, wenn es darum geht, den öffentlichen und den privaten Sektor zusammenzubringen, um Größeres zu bewirken. Ein aktuelles Beispiel dafür ist seine Rolle als Vorsitzender der Task Force for a Resilient Recovery, einer unabhängigen Gruppe von kanadischen Führungskräften aus den Bereichen Finanzen, Politik und Nachhaltigkeit, die einen nachhaltigen Neuanfang nach der Corona-Krise vorantreiben möchten. Richard Florizone glaubt an die Kraft partnerschaftlicher Zusammenarbeit.

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