Das Potenzial, sauber zu wachsen

Kamran Khan ist bei der Deutschen Bank in der Region Asien-Pazifik für ESG verantwortlich – also die Themen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. Hier spricht er über verantwortungsbewusste Finanzierungen und deren Beitrag zur Bewältigung der Corona-Pandemie in Asien.

Herr Khan, was hat die Corona-Pandemie die Finanzindustrie gelehrt?

Als erstes können wir festhalten, dass die Pandemie den ESG-Markt positiv beeinflusst und bereits einige wichtige strukturelle Veränderungen angestoßen hat. Die zunehmende Marktvolatilität und die weltweiten Umwelt- und Sozialproteste in den ersten Monaten des Jahres 2020 haben Vermögensverwalter veranlasst, sich ihre Portfolios genauer anzuschauen und nach neu zu bewertenden Risiken für die Vermögenswerte darin zu fahnden. Vielen fiel nun auf, dass sie die umweltbedingten Risiken in den Portfolios unterschätzt hatten. Das war eine wichtige Erkenntnis.

Außerdem bemerkten sie, dass sie die finanziellen Auswirkungen der so genannten Stakeholder-Risiken nicht angemessen berücksichtigt hatten. Ein Beispiel dafür: Infolge der „Black Lives Matter“-Bewegung sank der Wert einiger Kosmetikmarken, die mit hautaufhellenden Cremes in Verbindung gebracht werden.

Dies alles bringt voraussichtlich auch strukturelle Veränderungen mit sich: Denn sobald ein Anleger ein neues Risiko oder einen neuen wertschöpfenden Indikator erkannt hat, wird er dies auch künftig in seine Anlageentscheidungen miteinbeziehen. Und das gilt insbesondere für professionelle Vermögensverwaltungen.

So werden ESG-Faktoren jetzt bei den größten Fondsmanagern der Welt anlageentscheidend. Sie bestimmen nicht mehr nur ESG-Fonds, sondern zunehmend auch den Mainstream, also sie werden gang und gäbe. Das hatte sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet, hat sich aber in diesem Jahr verstärkt, durchgesetzt und kann nicht mehr ignoriert werden.

Sehen Sie durch die Pandemie, dass einer der drei ESG-Faktoren bedeutender wird, beispielsweise das Soziale? Welche neuen ESG-Trends erwarten Sie?

Soziale Aspekte waren schon immer wichtig, aber unsere Branche hat sich noch nicht auf einheitliche Messkriterien dazu festgelegt. Tatsächlich sind soziale Gerechtigkeit und andere gesellschaftliche Themen durch die Pandemie mehr in den Mittelpunkt gerückt. Für entsprechende Instrumente gibt es mehr Nachfrage. Wir erwarten hier also mehr Aktivität.

Alle drei Säulen spielen eine Rolle. Sie benötigen eine gute Unternehmensführung (G), damit ein Umweltprogramm (E) erfolgreich wird. Und soziale Aspekte (S) müssen dabei auch berücksichtigt werden. Also ohne „G“ gibt es keinen Erfolg bei „E“! Und zum „S“ kann ich sagen: Ja, es ist möglich, dass ein Unternehmen sehr solide Arbeit im Hinblick auf Umweltthemen leistet, zum Beispiel bei der Herstellung von Solarmodulen, aber das „S“ vernachlässigt. Das liegt daran, dass Umweltauswirkungen in der Regel quantifizierbar sind, während dies auf soziale Auswirkungen weniger zutrifft. ESG-Instrumente werden sich jedoch erkennbar auf Umwelt UND Soziales auswirken.

Und was das „G“ betrifft, sehen Finanzdienstleister oft noch nicht über die gute Führung von Unternehmen hinaus. Aber das wird sich sehr bald ändern und ganzheitlicher betrachtet werden, nämlich auch als gute Führung von Staaten oder den Einheiten innerhalb der Staaten wie beispielsweise Bundesländern oder auch anderen staatlichen Einrichtungen sowie öffentlich-privaten Partnerschaften. Das „G“ wird also mehr Dimensionen bekommen. Wie Regierungen das „G“ in ihre Regierungsinstrumente integrieren, wird eine der spannendsten Fragen werden. Und natürlich wird sie stark von wirtschaftspolitischen Fragen geprägt sein.

Wie viel Verschiebung hin zu verantwortungsvollem Investieren erwarten Sie?

Jeden Tag hören wir, wie viel Kapital in Richtung ESG fließt. Im zweiten Quartal dieses Jahres stiegen die weltweiten Nettozuflüsse in nachhaltige Fonds laut Morningstar-Report 2/2020 im Vergleich zum Vorquartal um 72 Prozent (plus 71,1 Milliarden US-Dollar). Dies ist ein sehr bedeutender Trend, den man nicht leugnen kann.

Was tut die Deutsche Bank, um Politik und Wirtschaft zu helfen, die Corona-Krise zu bewältigen?

Wir sind schon jetzt mit voller Kraft dabei und sobald die medizinischen Probleme bewältigt sind, wird das Thema noch stärker in den Mittelpunkt rücken: Wie gelingt die wirtschaftliche Erholung und wie wird sie finanziert? Rund um die Welt gibt es schon eine ganze Reihe von Anleihen, um die Hilfsmaßnahmen zu finanzieren.

Und demnächst werden wir uns mit den Haushaltsdefiziten insbesondere in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens beschäftigen. Die Regierungen in Asien müssen erhebliche Kapitalmengen aufbringen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Und das zu einer Zeit, wo sie aufgrund der Pandemie ihre Schulden nicht mehr begleichen können.

Mischfinanzierungen werden hierbei eine wichtige Rolle spielen. Dabei werden einerseits am Finanzmarkt Kredite zu üblichen Raten aufgenommen und andererseits kostengünstige Kredite oder Zuschüsse von internationalen Entwicklungsbanken in Anspruch genommen. Das senkt insgesamt die Kapitalkosten.

Die Deutsche Bank kann Ländern bei solchen Mischfinanzierungen helfen – mit klaren ESG-Wirkungsindikatoren und -Etappenzielen. Wir sind dafür bestens aufgestellt, da wir sehr erfahren darin sind, solche Finanzinstrumente zu strukturieren und zu platzieren, und sehr viel davon verstehen, ESG-Auswirkungen zu überwachen und zu messen.

Man kann also zusammenfassend sagen, dass es in der Finanzbranche mehr ESG-Expertise gibt, was absolut positiv ist, aber dass die Pandemie leider auch dazu geführt hat, dass Regierungen langsamer dabei vorankommen, die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung umzusetzen. Die Krise hat sie ausgebremst.

Wie gut ist Asien auf den Strukturwandel hin zu einer nachhaltigeren Weltwirtschaft vorbereitet?

In Asien gibt es sowohl Faktoren, die diesen Wandel erleichtern, als auch solche, die ihn behindern. Auf der Habenseite sehe ich die fortschrittlichen Technologien, steigende Realeinkommen und dass die Region mehr und mehr in die globalen Lieferketten eingebunden ist. Nachholbedarf gibt es bei Governance und beim Energiebedarf.

Lassen Sie mich dies etwas ausführen: Erstens, Asien ist weltweit führend bei der Beschaffung und dem Einsatz neuer Technologien, die tendenziell effizienter und sauberer sind und mehr Transparenz und Kontrolle bieten. Damit bringt Technologie viele Hebel, um die Wirtschaft nachhaltiger zu machen.

Zweitens: Indem die Realeinkommen in Asien wachsen, steigen auch die Ansprüche an gute Unternehmensführung und Verantwortung. Und drittens: Die ganze Welt wandelt sich hin zu mehr ESG und je mehr Asien in globale Lieferketten eingebunden ist, desto einfacher geht es dort in dieselbe Richtung.

Hinzu kommt, dass viele aufstrebende asiatische Unternehmen nicht nur Teil der Lieferkette sind, sondern selbst das Endprodukt verkaufen und ihre Marken weltweit etabliert haben. Wenn also ein asiatisches Unternehmen sich glaubwürdig um ESG bemüht, hat es deutlich bessere Chancen auf dem Weltmarkt.

Andererseits fehlen in Asien immer noch mächtige Umweltorganisationen und soziale Bewegungen, und damit ein Druckmittel auf die Entscheider in Politik und Wirtschaft. Dass ESG-Themen im asiatisch-pazifischen Raum überhaupt auf der Agenda stehen, ist in erster Linie auf den Druck der globalen Finanzmärkte zurückzuführen.

Das zweite Fragezeichen betrifft Energie. Wachsende Volkswirtschaften brauchen Energie. Seit Kyoto kommt in Asien immer wieder die Frage auf, warum die westlichen Länder erwarten, dass die asiatische Wirtschaft auf saubere Art und Weise wächst, während sie selbst genau das nicht getan haben während der industriellen Revolution.

Wir sehen, dass China eine wirtschaftliche Antwort entwickelt, indem das Land nicht nur proklamiert, nachhaltig zu werden, sondern eine weltweit führende Rolle bei nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen einnehmen und damit ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum sicherstellen will. Das Land ist jedenfalls dabei, seine Ziele bei der nachhaltigen Energiegewinnung zu erreichen. Andere asiatische Länder, wie zum Beispiel Indien, visieren das auch an.

Wenn der Plan aufgeht, werden die Länder in Asien das erreichen, was wir alle anstreben: mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum, ohne die Welt zu verschmutzen.

Über Kamran Khan

Als Leiter des Bereichs Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) für den asiatisch-pazifischen Raum entwickelt und koordiniert Kamran Khan die dortige ESG-Strategie der Bank über alle Geschäftsbereiche hinweg. Kamran hat jahrzehntelange Erfahrung in den Bereichen Finanzmärkte, nachhaltige Entwicklung sowie Beratung von Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Im Laufe seiner Karriere hat Khan Investitionen in nachhaltige Entwicklung in Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa begleitet. Dazu zählt auch ein von ihm gegründeter sogenannter Impact Fund, der auf Unternehmen ausgerichtet ist, die sich auf die Erreichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung konzentrieren.

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