Nachricht 8. September 2021

Weichenstellungen für Europas Banken - Drei Thesen von Christian Sewing beim Bankengipfel 2021

Rede von Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bank AG, auf dem Handelsblatt Banken-Gipfel, 8. September 2021

– Es gilt das gesprochene Wort –

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine Freude, erneut beim Banken-Gipfel zu sprechen. Dieses Jahr grüße ich Sie erstmals aus London, wo endlich wieder viele unserer größten institutionellen Kunden zusammengekommen sind. Es ist ein Stück Normalität, das wir hier zurückgewinnen. Und ein Indiz dafür, dass wir die Pandemie allmählich hinter uns lassen.

Als weiteres Indiz dafür dürfen Sie werten, dass ich nicht mehr darüber sprechen möchte, wie wir am schnellsten aus dieser Krise herauskommen. Vielmehr möchte ich den Blick weit nach vorn richten. Was sind die großen Trends und Faktoren, die die Bankenbranche in der nächsten Dekade prägen werden? Und was müssen wir tun, damit wir als Gewinner aus diesem Umbruch hervorgehen?

Es ist Konsens, meine Damen und Herren, dass unsere Wirtschaft digitaler und nachhaltiger werden muss. Diese Transformation, getrieben von Technologie, wird von ähnlich grundsätzlicher Natur sein wie die erste industrielle Revolution vor mehr als zwei Jahrhunderten. Damals begann die Menschheit im großen Stil damit, Kohlenstoffe zu verbrennen – in diesem Jahrhundert wird sie damit weitgehend aufhören müssen, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollen. Um nichts weniger geht es, da sind sich führende Wissenschaftler einig.

Gleichzeitig steht für Europa viel auf dem Spiel: In diesem Jahrzehnt wird sich entscheiden, wer die Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert dominieren wird. Und Europa wird alles in die Waagschale werfen müssen, um nicht zu den Verlierern zu gehören.

Dabei sind wir in den vergangenen 20 Jahren bereits zurückgefallen. Im Jahr 2000 kamen noch 41 der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aus Europa – heute sind es nur noch 15. Und was für die Wirtschaft insgesamt gilt, spiegelt sich auch in der Finanzbranche wider: Zur Jahrtausendwende erreichten die 25 größten europäischen Banken noch einen ähnlichen Börsenwert wie die 25 größten US-Häuser – heute sind allein JP Morgan und die Bank of America so viel wert wie die 18 größten europäischen Banken zusammen.

Und ich wage die These: Zwischen diesem relativen Wertverfall unseres Finanzsektors und unserer Unternehmen insgesamt gibt es wahrscheinlich mehr als nur eine Korrelation. Denn ich bin überzeugt, dass der leistungsfähige Banken- und Kapitalmarkt einer der großen Standortvorteile der Vereinigten Staaten war und ist. Das aber heißt im Umkehrschluss: Um wieder aufzuholen, braucht auch Europa einen stärkeren Banken- und Kapitalmarkt. Sonst werden wir uns in einer polarisierten Weltwirtschaft zwischen den USA und China nicht behaupten können.

Warum? Weil wir ohne eine starke Finanzbranche (a) nicht genug Kapital mobilisieren und es (b) – was noch schwerer wiegt – nicht effizient kanalisieren können.

Was müssen wir tun?

Zuallererst sind wir Banken selbst gefragt – und da ist die Branche auf einem guten Weg. Insgesamt sind die Finanzinstitute in Deutschland seit der Finanzkrise nicht nur deutlich stabiler und robuster geworden. Die Branche legt endlich auch beim Thema Profitabilität zu.

Unsere Fortschritte bei der Transformation der Deutschen Bank sind ein Beispiel dafür: In den ersten sechs Monaten des Jahres haben wir einen Vorsteuergewinn von 2,8 Milliarden Euro und eine Eigenkapitalrendite von 6,5 Prozent erreicht, unser bestes Halbjahr seit 2015. Und in unserer Kernbank, also den Geschäftsbereichen, die wir fortführen wollen, haben wir unser Ergebnis auf 3,4 Milliarden Euro verdoppelt und eine Rendite von 9,3 Prozent erzielt – das entsprach bereits unserem Ziel fürs kommende Jahr. Und ich bleibe optimistisch, dass wir unsere Ziele für 2022 nachhaltig erreichen werden.

Das allein wird aber nicht reichen, wenn wir vorn mitspielen wollen. Die großen Banken in Europa brauchen auch grundsätzliche Weichenstellungen, die ich mit drei Thesen verbinden will:

Erstens: Es wird nur noch wenige globale Großbanken geben

Und das heißt: Wir müssen endlich die Größenvorteile Europas nutzen. Es war und bleibt richtig, Großbanken besonders sorgfältig zu regulieren. In Europa haben wir jedoch gleichzeitig viel dafür getan, Banken gar nicht mehr groß werden zu lassen. Das aber ist ein fragwürdiger Kurs – steigt doch die Bedeutung von Größe in der Finanzwelt exponentiell an.

Denn nur große Banken werden künftig…

… ein globales Netzwerk und tiefe lokale Verankerung verbinden können.

… die nötigen Investitionen aufbringen können, um digitaler zu werden und gleichzeitig eine ganzheitliche Beratung anbieten zu können.

... Nur sie werden bei anhaltendem Kostendruck noch Effizienzgewinne heben können…

… und nur sie werden das Kapitalmarktdefizit in Europa beheben.

Und es kann nicht in unserem Interesse sein, dass alle diese globalen Banken ihren Sitz außerhalb Europas haben. Wir würden uns in einer immer fragmentierteren und von nationalen Interessen dominierten Welt noch abhängiger von amerikanischen Banken machen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre würden wir hier einen strategischen Fehler machen, das ist nicht in unserem nationalen beziehungsweise europäischen Interesse.

Wie soll das noch gehen angesichts der Abstände beim Börsenwert? Indem wir das tun, was die europäische Wirtschaft insgesamt dringend braucht: Wir müssen den Binnenmarkt in Europa schnellstmöglich weiter stärken, insbesondere bei Dienstleistungen. Dazu gehört auch eine Banken- und Kapitalmarktunion. Wir können uns da keinen evolutionären Weg mehr leisten, hier braucht es einen großen Sprung nach vorn. Das wird auch die überfällige Konsolidierung über Landesgrenzen hinweg beschleunigen.

Zweitens: Regulierung muss fair sein

Die Banken- und Kapitalmarktunion ist eine notwendige Bedingung für einen starken Finanzsektor in Europa, aber für sich genommen noch nicht hinreichend. Dafür müssen wir auch endlich gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen.

Das gilt für Kapitalvorschriften, die die europäischen Wirtschaftsstrukturen nicht ausreichend berücksichtigen – Stichwort Basel IV. Das gilt für den Verbriefungsmarkt, der in Europa auch wegen regulatorischer Schranken nur ein Zehntel der Größe des amerikanischen Marktes erreicht. Dabei wäre das ein wichtiger Hebel, um Spielräume in den Bankbilanzen zu schaffen und damit die Finanzierung der Wirtschaft zu fördern.

Das gilt aber auch für ungleiche Bedingungen für Banken und Nichtbanken, obwohl es um ähnliche Leistungen geht. Die regulatorische Schieflage im Wettbewerb mit Fintechs oder Big Techs ist nur ein Beispiel dafür. Ein anderes ist der ungleiche Kampf zwischen Banken und anderen Finanzkonzernen: Angesichts dauerhaft negativer Zinsen drängen Kapitalsammelstellen auf der Jagd nach höheren Renditen in Kreditmärkte vor, die traditionelles Spielfeld der Banken waren. So sind selbst Versicherer plötzlich sehr aktiv bei gehebelten Finanzierungen, so genannten Leveraged Loans – ohne derselben Regulierung zu unterliegen wie Banken. Das zeigt: Wenn die europäischen Banken immer restriktiver reguliert werden, wird das Geschäft nicht verschwinden – es wird nur in andere Finanzbereiche abwandern.

Möglich ist auch, dass wir es künftig mit völlig neuen Konstellationen bei der Konsolidierung im Finanzwesen zu tun haben – die aber vor allem regulatorisch getrieben wären. Das würde das stark kontrollierte Bankensystem weiter aushöhlen, während die Geschäfte woanders gemacht werden. Niemand kann das ernsthaft wollen, meine Damen und Herren. Das fördert weder die Finanzstabilität noch fairen Wettbewerb. Gleiche Geschäfte, gleiche Regulierung, das muss der Grundsatz sein.

Drittens: Nachhaltigkeit entscheidet über Gewinner und Verlierer

Der Kampf gegen den Klimawandel ist die wohl größte Herausforderung der Menschheit, und wir Banken werden uns grundsätzlich danach ausrichten müssen. Und zwar jetzt. Aber es ist nicht nur eine Pflicht, sondern eben auch eine Chance. Oder lassen Sie es mich so sagen: ESG, also das Bankgeschäft nach strengen Umwelt-, Sozial- und Führungskriterien, ist aus meiner Sicht das größte Wachstumsthema seit Jahrzehnten.

Warum?

Weil für die Transformation unserer Wirtschaft gigantische Investitionen erforderlich sein werden: Laut aktuellen Schätzungen sind bis 2050 jedes Jahr mehr als zwei Billionen Euro weltweit nötig. Dadurch fiele das gesamte jährliche Finanzierungsvolumen des Bankensektors laut Berechnungen von Autonomous um 15 Prozent höher aus als heute.

Die Voraussetzungen sind gut, dass wir Europäer einen größeren Teil davon auf uns vereinen können. Europas Wirtschaft ist in vielen Bereichen grüner Technologie führend. Und der europäische Marktanteil bei grünen Anleihen ist doppelt so hoch wie im Anleihenmarkt insgesamt.

Es geht aber noch weiter: Nachhaltigkeit verändert Banken bereits von Grund auf – und dieser Wandel wird sich noch beschleunigen. Es fängt mit dem Risikomanagement an, es geht um die Validierung von Krediten, Investitionen und Transaktionen nach Umwelt-, Sozial- und Führungsstandards. Und es geht um unser Geschäft: Nachhaltigkeit hat den Beratungsbedarf enorm gesteigert, bei Firmen ebenso wie bei Privatanlegern. Wir richten den Dialog mit unseren Kunden danach aus: Wir investieren gerade viel Zeit, um auszuarbeiten, wie wir unsere Kunden bei ihrer Transformation am besten unterstützen können.

Welches Gewicht dieses Thema hat, lässt sich daran ablesen, dass es direkt bei mir angesiedelt ist. Doch die Bedeutung wird noch zunehmen: Nachhaltigkeit betrifft nicht nur jede unserer Sparten, sondern wird sich zu einem Geschäftsfeld an sich entwickeln. Das wird sich in unserer Struktur widerspiegeln müssen, wenn wir unser Potenzial nutzen wollen.

Meine Damen und Herren, die zwanziger Jahre werden darüber entscheiden, wer die Weltwirtschaft dominieren wird und welchen Pfad wir im Kampf gegen den Klimawandel nehmen werden.

Dafür brauchen wir bessere Voraussetzungen, dafür müssen jetzt die Weichen für eine Konsolidierung unserer Branche, für wettbewerbsneutrale Regulierung und für mehr Nachhaltigkeit im Finanzsektor gestellt werden.

Das heißt aber auch, dass wir an uns selbst arbeiten müssen. Denn die besten Voraussetzungen werden wir nur dann nutzen können, wenn wir uns auch selbst weiter verändern – und da spreche ich selbstverständlich und zuallererst über unser eigenes Haus. Es geht um Kultur, es geht um Führungskultur. Es geht um die Sinnhaftigkeit unseres Tuns und darum, dass wir es der Gesellschaft erklären können. Auch das ist wichtig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn das Bankgeschäft ist von Menschen geprägt. Weil der Dialog und der Rat für unsere Kunden immer im Zentrum unserer Arbeit stehen muss.

Das heißt wiederum: Wir brauchen nicht nur die besten Leute und diverse Teams. Wir müssen uns auch noch viel stärker um unsere Kolleginnen und Kollegen und unsere Kundinnen und Kunden kümmern, in sie investieren und sie als das sehen, was sie sind: das Wertvollste, was wir haben. Das muss der Maßstab für die Führung einer Bank sein.

Meine Damen und Herren, angesichts der aktuellen Herausforderungen brauchen wir einen starken, global agierenden Bankensektor. Unsere Branche gehört zu den Schlüsselindustrien einer weltweit exportierenden Volkswirtschaft, wie es Deutschland und Europa sind.

Entsprechend sollten wir jetzt auch handeln – mit einer klaren Strategie und Haltung.

Vielen Dank.

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