Raumschiff im All

Im Orbit der Chancen

Wie die Weltraumwirtschaft klassische Industrien verändert und neue Märkte erschließt.

Hoch über unserem Alltag arbeitet eine Infrastruktur, die kaum jemand sieht und ohne die fast nichts mehr funktioniert. Tausende Satelliten halten Navigation und Kommunikation am Laufen, vernetzen Märkte, warnen vor Stürmen, Bränden oder Dürren – und sie verschieben die Grenze dessen, was wir für möglich halten.

Was einst ein wissenschaftlicher Außenposten war, wird heute zur wirtschaftlichen Basis einer neuen Industrie und zum strategischen Ort in einer Welt, die sich neu sortiert.

Dabei begleitet die Faszination für das All den Menschen seit jeher.

Schon die Antike benannte den Mars nach dem Kriegsgott, Seefahrer fanden ihren Weg anhand von Sternbildern, und die chinesische Legende erzählt vom Mandarin Wan Hu, der um 1500 mit einem feuerwerksgetriebenen Stuhl dem Himmel näherkommen wollte – ein Mondkrater trägt heute seinen Namen.

Ob Fakt oder Fiktion, die Essenz ist die gleiche: Neugier, Risiko und strategisches Denken haben unsere Faszination fürs All schon immer geprägt.

Satellit

Und genau diese Mischung aus Neugier, Risiko und strategischem Denken ist es, die heute über den Erfolg in der neuen Weltraum-Ökonomie entscheidet. Es sind nicht mehr nur Staaten, sondern zunehmend mutige Unternehmer und Mittelständler, die diesen globalen Wettbewerb prägen.

Die Pioniere der neuen „Space Economy“

Wie das in der Realität aussieht, zeigt sich eindrücklich zwischen den alten Hangars des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof. Hier entsteht gerade eine Fabrik, die Europas Raumfahrt verändern könnte – gebaut vom Mittelständler Berlin Space Technologies (BST).

Gründer Tom Segert bringt die Mission auf den Punkt: „Wir bauen gerade eine Fabrik, die Ende nächsten Jahres eine Produktionskapazität von fünf Satelliten haben wird – pro Woche.“

Wir bauen eine Fabrik, die Ende nächsten Jahres eine Produktionskapazität von fünf Satelliten haben wird – pro Woche.Tom Segert, Berlin Space Technologies

Was hier entsteht, steht sinnbildlich für die neue Dynamik im Weltraum. Mittelständler und Start‑ups übernehmen Aufgaben, die früher staatlichen Agenturen vorbehalten waren. BST schafft die industrielle Basis, die Europa laut Segert bislang gefehlt hat, während die Media Broadcast Satellite GmbH (MBS) komplette Missionen als Service anbietet – vom Satellitenbau über den Start bis zum Betrieb und zur Datenübertragung.

Kurz: „Responsive Space“ bedeutet Raumfahrt aus einer Hand und in europäischer Wertschöpfungstiefe. Und wofür das steht, bringt Markus Daiberl von MBS auf den Punkt: „Wir launchen die Satelliten aus Europa heraus und betreiben sie auch selbst. Dadurch haben wir eine gewisse Souveränität und auch den unmittelbaren Zugang zum Weltall.“

Tom Segert vor einem Satellitenmodell von BST

Wir launchen die Satelliten aus Europa heraus und betreiben sie auch selbst. Dadurch haben wir den unmittelbaren Zugang zum Weltall.
Markus Daiberl, Media Broadcast Satellite (MBS)

Unter Hélène Huby arbeitet „The Exploration Company“ daran, Europas Zugang zum All unabhängiger, schneller und nachhaltiger zu machen – mit wiederverwendbaren Raumkapseln, die neue Märkte erschließen und den Weltraumschrott im Orbit begrenzen.

Diese neue, mittelständische Agilität steht exemplarisch für einen globalen Trend. Die Weltraumwirtschaft ist längst keine Nische mehr. Ihr Wert wird heute auf rund 570 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll laut Prognosen von McKinsey und dem Weltwirtschaftsforum bis 2035 auf 1,8 Billionen anwachsen – und damit doppelt so schnell wachsen wie die globale Wirtschaft.

Der Motor dieses Wachstums ist der Privatsektor. Laut Simonetta Di Pippo, ehemalige Direktorin des Büros der Vereinten Nationen für Weltraumfragen, wird der Raumfahrtmarkt klar von kommerziellen Kunden dominiert, die 82 Prozent des Geschäfts ausmachen. Auf staatlich-zivile und militärische Auftraggeber entfallen demnach jeweils 9 Prozent.

Datenhunger und sinkende Kosten: Die Treiber der Revolution

Zwei Faktoren machen diese Disruption erst möglich: radikal gesunkene Kosten und der unstillbare Hunger nach Daten. Private Anbieter wie SpaceX haben die Startkosten um bis zu 80 Prozent reduziert und ein Kilogramm Nutzlast von über 10.000 auf unter 3.000 US-Dollar verbilligt. Die Folge: Die Zahl der Starts schoss 2025 um ein Viertel gegenüber dem Vorjahr in die Höhe. Weltweit erfolgten 324 Starts, die Tausende neue Satelliten ins All brachten.

Die Wahrheit über die Erde kommt künftig aus dem All.Thomas Grübler, Ororatech

Vor dem Launch des Kepler-Satelliten © OroraTech

Doch wozu das alles? Die Antwort liefert Thomas Grübler, Mitgründer des Start-ups OroraTech. Sein Unternehmen nutzt KI-gestützte Wärmebilder aus dem All, um Waldbrände frühzeitig zu erkennen.

Für ihn ist klar: „Die Wahrheit über die Erde kommt künftig aus dem All“. OroraTechs „Wildfire Solution“-Plattform überwacht bereits 350 Millionen Hektar Land und zeigt, wie Weltraumtechnologie von einer abstrakten Vision zur skalierbaren Realität wird.

Aufspüren eines Waldbrandes in einem Nationalpark in Kalifornien. © OroraTech

Diese „Earth Insights“ sind der Kern unzähliger neuer Geschäftsmodelle. Sie zeigen, wie aus abstrakten Satellitendaten konkrete Entscheidungen werden. In den Klimadaten aus dem All etwa steckt heute ein Frühwarnsystem, das Leben retten kann: Satelliten beobachten Treibhausgase, Temperaturveränderungen und atmosphärische Muster – und machen extreme Wetterereignisse vorhersagbar, bevor sie sichtbar werden.

So konnten in Côte d’Ivoire Wetterwarnungen rechtzeitig ausgelöst werden, als Satellitendaten auf ungewöhnliche Regenmengen hindeuteten. In Norwegen helfen ähnliche Modelle dabei, gefährliche Polarstürme frühzeitig zu erkennen und Fischer, Küstenbewohner und die Luftfahrt zu schützen. Und in den USA macht die Messung der Pflanzenfluoreszenz durch den NASA‑Satelliten OCO‑2 sichtbar, wenn Böden und Pflanzen binnen Tagen austrocknen – Wochen bevor sich am Boden die ersten Risse zeigen.

Gleichzeitig entstehen aus solchen Erkenntnissen gänzlich neue Geschäftsmodelle, wie der thailändische Satellitenbetreiber Thaicom zeigt. Dort nutzt man Erdbeobachtung nicht nur für Forschung oder staatliche Planung, sondern für einen sehr alltäglichen, sehr handfesten Bedarf: Landwirtschaft.

Wenn Dürren oder Fluten über Reisfelder hinweggehen, prüfen Versicherer traditionell Fotos, fahren aufs Land und bearbeiten Berge von Papier – ein Prozess, der Monate dauern kann.

Thaicom ersetzt das durch Satellitenanalysen, die exakt zeigen, welche Parzellen tatsächlich betroffen sind. So erhalten Bauern ihre Versicherungsleistungen schneller und verlässlicher, und die Branche bewegt sich von analogen Schadensmeldungen hin zu datengetriebenen Modellen.

Thaicom-Satellitendienste unterstützen bei der Katastrophenhilfe in den von Überschwemmungen betroffenen Gebieten der Provinz Songkhla, Südthailand

Um diese datenbasierte Infrastruktur weiter zu stärken und ihre Wirkung in der Region auszuweiten, arbeitet Thaicom am neuen Thaicom‑10‑Satelliten, der ab 2027 zusätzliche Kapazitäten schaffen soll – finanziell unterstützt unter anderem durch die Deutsche Bank.

Zwischen Stärke und Aufholbedarf: Europas Rolle

Wo steht Europa in diesem neuen Wettlauf? Die Antwort ist komplex. Einerseits zeigt sich eine enorme Dynamik. Private Investitionen in europäische Raumfahrt-Start-ups haben sich vervielfacht und erreichten laut ESA 2024 einen Rekordwert von 1,5 Milliarden Euro.

Christine Klein, Leiterin für Industriepolitik bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), betont im Interview Europas Stärken: hochqualifizierte Ingenieure und weltweit führende Systeme wie das Navigationsnetzwerk Galileo und das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Die ESA selbst fördert diesen Wandel, indem sie mit ihrem Investoren-Netzwerk, dem auch die Deutsche Bank angehört, gezielt Hürden für KMUs und Start-ups senkt.

Ein Radarblick auf den bolivianischen Regenwald – eines der ersten Bilder der Biomass‑Mission der ESA. © ESA

Zudem ist es erklärtes ESA-Ziel, Weltraumschrott zu vermeiden – in der Industrie aufgegriffen, etwa von The Exploration Company, die Sie von oben schon kennen.

Wir wollen, dass das Weltall langfristig ein sicherer, zugänglicher und nachhaltiger Raum bleibt – auch für künftige Generationen.Christine Klein

Andererseits kämpft Europa mit strukturellen Nachteilen wie anderswo auch: zersplitterten Zuständigkeiten, langsameren Prozessen und einem deutlich kleineren öffentlichen Budget als die USA – laut der Brüsseler Denkfabrik Bruegel rund sechsmal kleiner, je nach Vergleichsjahr. Beim Startmarkt zeigt sich der Rückstand besonders sichtbar: Während SpaceX in schneller Abfolge startet, erreicht Europa zwar technisch anspruchsvolle Umlaufbahnen, aber noch nicht die industrielle Seriengeschwindigkeit, die neue Geschäftsmodelle erfordert, so Bruegel.

Während die USA und China den zweiten Wettlauf ins All unter privatwirtschaftlichen Vorzeichen anführen, riskiert Europa, hier den Anschluss zu verlieren. Deutschlands kürzlich vorgestellte Weltraumsicherheitsstrategie, die Investitionen von 35 Milliarden Euro vorsieht, zeigt klar, dass die Dringlichkeit erkannt wurde. Auf EU‑Ebene gibt es seit 2023 zudem eine Weltraum‑Strategie, die den Weltraum als strategische Domäne definiert und gemeinsame Leitlinien setzt.

Die Zukunft hat schon begonnen

Die Entwicklung ist rasant – und besonders im erdnahen Orbit zeigt sich, wohin die Reise geht: Private Raumstationen stehen vor dem Start und sollen den Orbit in den kommenden Jahren von einem rein staatlichen Forschungsstandort zu einem kommerziellen Umfeld machen, in dem Forschung, Produktion und Dienstleistungen unter neuen Bedingungen stattfinden können.

Daneben entstehen weitere Entwicklungen, die diesen Wandel beschleunigen: Direkt-zum-Gerät-Konnektivität, die Mobiltelefone künftig direkt aus dem All erreichen soll, sowie neue Ansätze, bei denen künstliche Intelligenz Daten bereits im Orbit verarbeitet, sodass Analysen schneller und gezielter zur Verfügung stehen.

Dieser Blick auf die Andromeda‑Galaxie war das „First Light“ des Flyeye‑Asteroidenjagd‑ Teleskops der ESA. © ESA

Solche technologische Pionierarbeit hat Tradition

Ein Blick auf die Rolle der Deutschen Bank als Finanzier solcher Vorhaben verdeutlicht das – vom ersten Transatlantikkabel im 19. Jahrhundert über elektrische Schnellzüge um 1900 bis zum Solarflugzeug „Solar Impulse“. Immer wieder waren es private Investoren und Banken, die visionären Projekten zum Durchbruch verhalfen.

In der Gegenwart zeigt sich das in der geplanten Bündelung der Raumfahrtsparten von Leonardo, Thales und Airbus zu einem europäischen „Space Champion“ – ein Schritt zu mehr strategischer Handlungsfähigkeit, bei dem die Deutsche Bank Leonardo als Finanzberater begleitet.

Ob der Weltraum wirklich das nächste Silicon Valley wird, ist noch offen. Doch die Bausteine dafür werden gerade gelegt – in Berlin, in Thailand, bei der ESA und in den Köpfen von Tausenden von Unternehmern weltweit.

Erkunden Sie mit uns den Orbit der Chancen

Für den schnellen Blick fasst unser Kurz‑Video die Highlights in 99 Sekunden zusammen; die Einzeltexte gehen bewusst in die Tiefe.

Diese Seite wurde im Februar 2026 veröffentlicht.

Falk Hartig

Falk Hartig

… hat gelernt, dass ein einziger Faktor ganze Industrien umkrempeln kann – in der Raumfahrt etwa die drastisch gesunkenen Startkosten. Seit neuestem schaut er wie früher gelegentlich eine Folge Raumschiff Enterprise – aber natürlich nur die einzig wahre Version: Das nächste Jahrhundert.

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